David Bowie Biografie: An der Fassade abgeglitten

by Jean-Martin Büttner / DIE ZEIT

9th February 2011

Wieder versucht sich ein Biograf an David Bowie, dem Mann ohne Eigenschaften. Doch auch Marc Spitz läuft dabei ins Leere. Warum eigentlich?

Ein englischer Journalist nannte ihn einmal ein »bewegliches Ziel«, und es stimmt: David Bowie ist leicht zu sehen und schwer zu treffen. Denn er war immer schon eine Platte, eine Frisur, eine Pose, eine Religion und einen Stil weiter, wenn das Publikum zu ihm aufgeschlossen hatte. Der Wechsel bleibt sein Ziel, sein Prinzip, sein Antrieb. All seine Beteuerungen sind bloße Finten. David Bowie, der Sänger, Musiker, Konzeptkünstler, dieser makellos schöne, androgyne Mann, muss sich laufend neu erfinden, um jemand zu werden.

Kein anderer Musiker hat Fans und Kritiker so oft genarrt, keiner hat sich so radikal von einem Stil und einer Rolle distanziert, indem er sich in neue stürzte. Erstaunlicherweise hat David Robert Jones, 1947 im schäbigen Londoner Stadtteil Brixton geboten, trotz oder wegen seiner Dauerflucht bis heute erreicht, was fast keinem seiner Kollegen aus den Sechzigern gelungen ist. Nämlich künstlerisch interessant zu bleiben. Seine Inspiration hat ihn nur einmal verlassen, in seiner tiefen Schaffenskrise der achtziger Jahre. Zwar erschien seine letzte Platte vor sieben Jahren und klang wie eine Hommage an ihn selber; immerhin war sie nicht peinlich, und die dazugehörige Tour zeigte ihn als gelösten Performer mit großer Stimme.

Das erleichtert zwar die Beschreibung von Bowies Karriere, erschwert aber die Deutung. Wohl deshalb sind alle groß angelegten Versuche gescheitert, Bowie biografisch zu bannen. Der Versuch des Amerikaners Marc Spitz, eben in deutscher Übersetzung erschienen, braucht zwar 559 Seiten. Dennoch gleitet auch er an der Fassade des Künstlers ab, der sich 1973 in einem Satz klarer definierte als Spitz in seinem ganzen Buch: »Ich bin ein Sammler, und ich sammle Persönlichkeiten und Ideen.«

Wenigstens bekommt man Bowies Vita kohärent nacherzählt, und was dem Autor an Tiefenschärfe abgeht, macht er mit Detailreichtum wett. Er hat ehemalige Musiker und Mitmusiker, Schriftsteller, Geliebte beiderlei Geschlechts, Manager, Produzenten, Professoren und gut informierte Journalisten für sein Buch interviewt. Und hier liegt auch die Stärke seiner Fleißarbeit. Weil diese Gespräche nämlich ermöglichen, was dem Autor nicht gelingt, der sich schon im Vorwort als Fan zu erkennen gibt: ein paar kritische Blicke auf diesen unfassbaren Menschen zu werfen.

Wie die verschiedenen Interviews nämlich zeigen, neigt Bowie zum Ruchlosen. Er holt sich Einfälle von anderen und nutzt sie für den eigenen Erfolg. Er wendet sich abrupt von Mitmusikern ab, wenn sie nicht mehr zu seinem neuen Stil passen. Er hat wenig Geduld, langweilt sich schnell und sagt von sich, er habe die Aufmerksamkeitsspanne einer Heuschrecke.

Spitz bewundert seine Hauptfigur, aber er versteht sie nicht. Ihm fehlt es an Psychologie, Neugierde und Kompetenz, um diesem hochbegabten und täuschenden Menschen gerecht zu werden. Achtlos erwähnt Spitz Bowies Beschäftigung mit dem Okkulten, aber wie tief sich der Sänger zeitlebens damit befasst hat, hat Spitz nicht gemerkt, er interessiert sich nicht einmal dafür. Dabei hat der Sachbuchautor Peter-Robert König eine brillante Analyse über Bowies Faszination für Gnostik und Kabbala formuliert und ins Netz gestellt. Hinter den Masken und Verrenkungen, schreibt König, verberge sich ein Mensch voller Zweifel, Selbsthass und Schwermut. Bowies erster Song, geschrieben 1963, heißt ja schon I’m Tired of My Life.

David Bowies Größe als Künstler besteht darin, dass er sein falsches Leben aufrichtig vertont hat. »Gibt es denn keinen einzigen verdammten Song, bei dem ich zusammenbrechen und weinen kann?«, die letzte Zeile von Young Americans, klingt wie ein Hilferuf. Der Song, der ihn überbringt, bleibt eiskalt, »Plastic Soul«, wie Bowie selber es nannte. Übrigens ärgert das am meisten an diesem dicken Buch über den schmalen Mann: Wenn Spitz schon dem Künstler nicht gerecht wird, sollte er sich wenigstens mit dem Werk befassen. Seiner Biografie gelingt nicht einmal das. Dem Autor fehlen die Kompetenz, das Vokabular und das Können. Fans sollen sich über ihre Idole freuen; aber sie sollten darüber keine Bücher schreiben.

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