David Bowie: Ihr wollt Space? Ich gebe euch Space! Ein Interview

by Jürgen von Rutenberg / ZEIT Magazin

17th January 1997

Der Popstar David Bowie ist eine Mischung aus singendem Astronauten und tanzendem Philosophen. Mit seiner neuen Platte will der “Erdling”, der gerade fünfzig geworden ist, den Kosmus erklären und die Gegenwart erobern.

ZEITmagazin: In einem Vorab-Info zu Ihrer neuen Platte “Earthling” verkünden Sie: “Wir stehen kurz vor der Entdeckung außerirdischen Lebens.” Wissen Sie etwas, was wir nicht wissen?

David Bowie: Nein! Ich glaube das einfach nur. Andererseits: Wenn sie tatsächlich Wasser auf der dunklen Seite des Mondes gefunden haben, dann gibt es definitiv Leben irgendwo da draußen. Das ist doch – wow! Wasser? Das wär’s dann ja wohl! Offenbar haben sie in den letzten drei, vier Jahren irgendeinen neuen Gimmick entwickelt, denn plötzlich finden sie überall Wasser. Und Wasser ist Leben.

ZEITmagazin: Im Internet kursiert ein längeres Traktat aus einem Magazin namens “Paranoia”, das endgültig beweisen will: David Bowie steht in direktem Kontakt mit Außerirdischen.

David Bowie: Ah, den Text habe ich sogar gelesen! Da geht’s um meinen Song “The Jean Genie” und um Module und dieses ganze Zeug – es ist verrückt. Aber irgendwie finde ich solche Sachen auch toll: eine weitere Irritation unserer Kultur, und das kann ich nur begrüßen. Mir ist alles recht, was ordentlich Chaos stiftet.

ZEITmagazin: Ihre Songs docken auffällig oft an Weltraumereignisse an: Ihre erste Hitsingle, “Space Oddity”, wurde 1969 eine Art Soundtrack zur ersten Mondlandung, neulich lief “Is There Life On Mars?” auf der ganzen Welt rund um die Uhr im Radio, als bekannt wurde, daß auf einem Meteoriten vom Mars Mikrobenspuren zu erkennen waren. Verfolgen Sie eigentlich systematisch, was die Nasa gerade so treibt?

David Bowie: Eigentlich nicht.

ZEITmagazin: Und umgekehrt?

David Bowie: Nicht, daß ich wüßte!

ZEITmagazin: Ihre neue Platte ist eine Rückkehr zu Ihrem klassischen Thema: den Mysterien des Weltraums.

David Bowie: Damit habe ich mich diesmal einigermaßen überschlagen. Es ist ein bißchen kokett. Dieses ganze Space-Thema wird einfach so stark mit mir in Verbindung gebracht, also habe ich mir gesagt: Ihr wollt Space? Ich gebe euch Space!

ZEITmagazin: Gleichzeitig identifizieren Sie sich damit endgültig als “Earthling”?

David Bowie: Absolut.

ZEITmagazin: Ein Durchbruch in Ihrer fortschreitenden Selbsterkenntnis?

David Bowie: Das kann gut sein. Daß mir dieser Titel auf Anhieb so zusagte, hat bestimmt auch damit zu tun.

ZEITmagazin: “Earthling” wird von ziemlich heftigen Jungle-Beats dominiert. Was fasziniert Sie so an dieser Musik?

David Bowie: Daß meine Freunde nicht dazu tanzen können, bevor sie diese Musik kapiert haben! Sie hören zuerst nur diese rasend schnellen Beats und versuchen mitzuhalten. Damit machen sie sich natürlich lächerlich. Wenn du hip bist weißt du, daß du dich an die langsame bass drum halten mußt. Diese Musik eignet sich also bestens, mal wieder klarzustellen: “Ätsch, ich bin cooler als du!”

ZEITmagazin: Umgekehrt könnten Hipster Ihnen vorwerfen, daß Sie reichlich spät auf den dahinrasenden Jungle-Zug aufspringen.

David Bowie: Vielleicht. Aber auch damals, als ich beschloß, Rhythm & Blues-Musiker zu werden, war ich keineswegs als kleiner, schwarzer Junge in New York zur Welt gekommen. In bin in gar keine Musikform hineingeboren worden und habe daher auch keinerlei Stilloyalitäten.

ZEITmagazin: Sie greifen einfach beherzt zu, sobald Ihnen eine Musikform gefällt.

David Bowie: Ich bin vor allem ein Zusammenfüger: Ich sauge die Begeisterungen auf, die ich als Beobachter und Teil unserer Kultur wahrnehme. Ich freue mich einfach immer irrsinnig, wenn ich etwas finde, das eindeutig sagt: Das hier ist die Gegenwart.

ZEITmagazin: Und unsere Gegenwart klingt wie Jungle?

David Bowie: Jungle ist ein neues Vokabular. Er hat diese solide, spirituelle Basis: den Baßlauf und die bass drum. Sie repräsentieren das Gemeinsame, das Verbindende. Darüber liegen diese hektischen snare-Salven. Die spiegeln wider, wie heutzutage Informationen auf uns einprasseln – so blitzartig wie diese Beats. Sie sind eine Metapher für unsere ganze Art zu denken. Und die beiden Ebenen zusammen ergeben einen perfekten Spiegel unserer Kultur. Sobald jemand das versteht, gibt es für ihn schlagartig keine andere Musik mehr. Plötzlich klingt alles andere völlig unangemessen.

ZEITmagazin: Außenstehenden erscheint technoide Tanzmusik oft als geistloses Gehämmere. Für Sie scheint sie eher eine Art Offenbarung zu sein.

David Bowie: Dance ist die größte Kunstform des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Die schwarze Tanzmusik hat doch das ganze neunzehnte Jahrhundert-Konzept der weißen Komponisten unter sich begraben! (Lacht sich kaputt.) Denn dieses alte Konzept hat nichts mehr damit zu tun, wie wir leben. Dance drückt das alles viel besser aus. Als in den Fünfzigern der Rock ‘n’ Roll aufkam, hat sich unser Vokabular ein für alle Mal geändert. Und seitdem weiß ich: Jedesmal, wenn sich auf den Tanzflächen der Clubs etwas ändert, hat es eine lebenswichtige Bedeutung, es ist nicht nur ein Trend. Dance ist politisch, soziologisch relevant, es zeigt, woraus wir bestehen, es drückt die Veränderungen aus, die wir erleben. Keine Kunstform hat ähnliche Möglichkeiten, das Chaos und die Fragmentierung zu beschreiben, die wir wir zur Zeit erleben. Es gibt keinen Maler, der das kann, was Jungle kann.

ZEITmagazin: Woran haben Sie gemerkt, daß Musik für Sie lebenswichtig ist?

David Bowie: Als ich noch ein Kind war, mit Neun oder Zehn, habe ich zum ersten Mal Rhythm and Blues gehört, vor allem Little Richard und Fats Domino. Das war für mich so aufregend, daß ich unbedingt ein Teil davon werden wollte, koste es, was es wolle. Ich sagte mir: Wenn ich Saxophon spielen lerne, dann kann ich später, wenn ich groß bin, in Little Richards Band mitspielen. Das war mein absolutes Ziel im Leben! Ich erbettelte mir einen Vorschuß von meinem Vater und kaufte mir ein Altsaxophon. Es war aus weißem Plastik und hatte goldene Tasten, das machte schon ganz schön was her. Um es abzuzahlen, jobbte ich bei unserem Fleischer. Anderthalb Jahre lang brachte ich jeden Samstagmorgen den Nachbarn ihre Steaks und Speckschwarten nach Hause. Und alles nur, weil ich Little Richard gehört hatte. Später, als ich zum ersten Mal nach Amerika kam, schlug dann Soul bei mir ein, vor allem der sogenannte Philly Sound: Barry White und Harold Melvin & The Blue Notes. Also auch wieder eine Art Tanzmusik so wie später, als ich die deutschen Techno-Sachen für mich entdeckte.

ZEITmagazin: Sie sind jetzt fünfzig Jahre alt und könnten sich, wie andere Popstars Ihres Alters, auf Ihren alten Hits ausruhen oder gepflegten Jazz-Pop machen. Statt dessen stürzen Sie sich auf brachiale Beats und haben längst Ihre größten Klassiker aus Ihrem Live-Repertoire verbannt.

David Bowie: Ich wollte einfach nicht den Rest meiner Tage als Greatest-HitsJukebox durchs Land ziehen.

ZEITmagazin: So ziemlich jeder Artikel, der je über sie geschrieben wurde, beschäftigt sich mit der Künstlichkeit Ihrer Person, mit dem Phänomen Ihrer radikal wechselnden Identitäten. Hat ihre Weigerung, weiter dieselben Hits zu spielen, auch damit zu tun, daß Sie sich immer noch nicht auf eine bestimmte Identität festlegen lassen wollen? Der Typ zu sein, der diese zwanzig Klassiker geschrieben hat?

David Bowie: Absolut! Als ich aufhörte, diese zwanzig oder dreißig Songs zu spielen, passierte etwas Interessantes: Ich fing an, darüber nachzudenken, was diese Hits eigentlich bedeuteten, “Ashes To Ashes” und “Heroes” und “Sound And Vision”, und warum die Leute sie so mochten. Und ich guckte mir andere Lieder von mir an, die ich all die Jahre vielleicht lieber gespielt hätte. Ich habe mir überlegt, was an diesen relativ obskuren Liedern so viel näher an mir dran war, und ich fing an, verschiedene Fäden in meinen Texten zu finden, auch wenn ich mich scheinbar ständig verändert habe und die Stilisierungen ständig wechselten. Neuerdings sehe ich in diesen Veränderungen eine starke Kontinuität. Vielleicht habe ich tatsächlich die ganze Zeit dasselbe gesagt, seit meinen Anfängen bis heute.

ZEITmagazin: Und zwar? Was verbindet ihr Alter ego, die Kunstfigur Ziggy Stardust, mit David Bowie 1997?

David Bowie: Es ging immer um eine Art spiritueller Suche. Es geht darum, die Organisation dieser Suche nicht als vorgegeben zu akzeptieren. Formale Religion ist nicht genug, es muß einen anderen Weg geben, eine neue Interpretation von Gott. Das ist noch sehr vage, aber irgendwo da drin steckt das, worüber ich meine Songs schreibe. Für mich ist es schon ein bißchen beängstigend, im nachhinein festzustellen, daß ich die ganze Zeit diese Besessenheit hatte. Die hat auch kein bißchen nachgelassen in den letzten dreißig Jahren. Das ist mein persönliches… na ja, Kreuz-das-ich-zu-tragen-habe will ich in diesem Zusammenhang lieber nicht sagen. Es ist meine große Lebensfrage.

ZEITmagazin: Für Sie ist also auch der Weltraum nur eine Metapher für Ihr Verhältnis zum Unbekannten und Unendlichen?

David Bowie: Genau! Diese ganze Symbolik, die ich benutzt habe, die Sciencefiction-Hardware und all dieses Zeug – das sind alles nur Metaphern für die üblichen Fragen: Was ist unsere Verbindung mit dem Kosmos? Warum wurden wir geboren? Was sollen wir tun, während wir hier sind? Und wo gehen wir hin, wenn wir sterben? Sehr elementare Fragen, die klassischen Fragen eines Schriftstellers eigentlich! Nicht anders als bei Graham Greene oder Rick Moody oder den ganzen neuen Cyberpunk-Schreibern. Viele meiner Songs haben außerdem etwas Märchenhaftes an sich, in das die Leute ihre eigenen Ängste hineinlegen können. So wie die Geschichten in der Bibel oder die griechischen Tragödien auch immer unsere Ängste und Nöte ausspielen. Meine Songs machen im Grunde dasselbe, nur etwas kleiner.

ZEITmagazin: Damit stehen Sie ja nun wahrhaftig in einer altehrwürdigen Tradition. Dabei geben Sie sich doch sonst so betont bescheiden, was Ihre eigenen Talente als Songschreiber angeht.

David Bowie: Das stimmt, und es ist bestimmt keine falsche Bescheidenheit. Ich weiß zwar, daß ich gut darin bin, Dinge zusammenzubauen. Ich bin nicht völlig davon überzeugt, daß ich ein großartiger Songschreiber bin. Ich weiß, daß ich gut eine Atmosphäre herstellen kann, und manchmal entsteht daraus eine akustische Landschaft oder etwas Mythisches. Ich kann aber zum Beispiel keinen Protestsong schreiben. Ich habe es versucht, und es waren gräßliche Reinfälle. Sobald ich didaktisch werde, falle ich sofort auf meinen Hintern. Darin bin ich so furchtbar schlecht.

ZEITmagazin: Auf der neuen Platte findet sich ein Song über Tibet – ist das etwa kein Protestsong?

David Bowie: Man beachte, daß dieses Lied sehr impressionistisch gehalten ist. Wenn ich gesagt hätte: “Die Chinesen sind in Tibet einmarschiert und sie bringen alle um, und das ist nicht in Ordnung” – wenn ich so was versuche, kommt immer nur Scheiße dabei heraus. Das Predigen ist nichts für mich, das ist eher was für Bobby Dylan.

ZEITmagazin: Sie sammeln expressionistische Kunst und Werke junger wilder Engländer. Wenden Sie auf Popmusik und Kunst dieselben Kriterien an?

David Bowie: Ich glaube, ja. Meine Vorlieben in der Musik repräsentieren fast immer das, was ich nicht bin. Leute wie Iggy Pop, Lou Reed, Sonic Youth. Mit denen habe ich nichts gemeinsam, ich bin von Natur aus viel zurückhaltender. Aber ich betrachte sie als die aggressive Seite meines Wesens, die ich selber noch gar nicht richtig kenne. Zu solcher Musik werde ich immer hingezogen: hyperenergische, dynamische, dionysische Musik. Diese Eigenschaften finden sich auch in der Kunst, die ich mag: Outsider Art und Art brut. Die Expressionisten hatten auch diesen ungestümen Drang. Diese Heftigkeit gefällt mir. Auch die Neoexpressionisten fand ich sehr aufregend: Penck, Kiefer, Mittendorf. Das war phantastisch! Und ich war lange Zeit völlig hingerissen von Dada – Marcel Duchamp und Man Ray und Arp und Schwitters – besonders Schwitters, wegen seiner Fähigkeit, in seinen Collagen gewöhnliche Dinge in unglaubliche Ikonen zu verwandeln. Es gibt also ein Gefühl, das ich sowohl in der Kunst als auch in der Musik suche und finde. Ein Gefühl wie in Strawinskys “Le sacre du printemps” – ich bin selber nicht so, aber ich verstehe diese Brutalität, die Blutopfer, das Beschwichtigen der Götter. In mir steckt offenbar ein wilder Kelte, ich sollte mit flatternden Gewändern auf einem Pferd um Glastonbury und Stonehenge herumpreschen!

ZEITmagazin: Sie assoziieren ständig Bilder mit Musik und Musik mit Bildern?

David Bowie: Ich habe kein Problem damit, alles miteinander zu verbinden. Frustrierend ist nur, daß ich immer annehme, das alle anderen das auch tun. Das, was die Leute an mir immer so “prätentiös” finden – das ist mein Lebenselixier! Ich kann ohne diese Spiegel meiner Existenz nicht leben.

ZEITmagazin: Aus den traditionellen Abgrenzungen zwischen Hoch- und Subkultur machen Sie sich nicht sehr viel?

David Bowie: Nichts. Vielleicht liegt es daran, daß ich durch Bücher Zugang zur Welt gefunden habe. Als ich jung war, habe ich ununterbrochen gelesen. Ich habe mir die Welt geschaffen, in der ich leben wollte. Bücher waren für mich immer eine Straße zu neuen Erfahrungen. Manches davon habe ich später in die Tat umgesetzt, nachdem ein Buch mir gesagt hatte: Du mußt nach San Francisco gehen, oder du mußt in Berlin leben oder in Kyoto. Nie entsprachen meine Erfahrungen dem, was ich mir beim Lesen vorgestellt hatte, aber diese Bücher haben mir den Impuls gegeben, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Mir würde es also gar nicht einfallen, daß es prätentiös sein könnte, James Joyce oder William Borroughs für meinen Schreibstil zu adaptieren. Viele sagen, ach, das ist so arty. Aber das sind eben nicht irgendwelche elitären Bücher – sie sind die Bezugspunkte für unsere ganze verdammte Art zu leben. Und wer sie nicht lesen will, ist eben ein beschissener Ignorant! Der hat eben Pech gehabt – er wird ein paar aufwühlende Erfahrungen verpassen!

ZEITmagazin: Ist es Ihre Gier nach Kunst, die Sie davon abhält, noch mal so einen Millionenhit wie “Let’s Dance” auszuhecken?

David Bowie: Exakt! Denn ich habe schon immer geahnt, daß das Leben des supererfolgreichen Rockstars nichts ist, woran ich auch nur im geringsten interessiert wäre. Ich kann ein Auto nicht vom anderen unterscheiden. Solche Dinge bedeuten mir rein gar nichts. Und darum scheint es ja immer zu gehen. Die Hauptmerkmale des Rockstars sind: umwerfend schöne Frauen zu haben und ein fabelhaftes Auto. Na ja, ich hatte immer umwerfend schöne Frauen. Aber dieses Autoding und diese ganzen Sachen haben mich nie gereizt. Meine Maßstäbe sind einfach andere.

ZEITmagazin: Sind Sie eigentlich jemals darüber hinweggekommen, es nicht zum Saxophonisten in Little Richards Band gebracht zu haben?

David Bowie: Ich glaube schon. Das heißt nicht, daß das, was ich statt dessen mache, besser wäre. Aber es ist okay.

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