Buch: David Bowie und Berlin – Bisschen Lippenstift

by Volker Breidecker / Süddeutsche Zeitung

2008

Auf Bowies Spuren: Tobias Rüther sucht nach Berührungspunkten zwischen dem Star und der Hauptstadt. Viel Mythos, wenig dahinter.

Wer dem auf Sand erbauten Potemkinschen Dorf an der Spree einmal für etwa ein Jahr den Rücken zugekehrt hatte und, sagen wir, im Sommer 1978 wieder nach Berlin (West) zurückkehrte, der fand diesen Ort – und das heißt immer: die dort maßgebliche “Szene” – wie verwandelt vor.

Notorische Bewegungsfrauen und Bewegungsmänner, ob lesbisch oder schwul, bi oder hetero, hatten sich ihrer bis dato noch uniform getragenen lila- und rosafarbenen Trachtenkleider entledigt, Latzhosen und Sackklamotten flogen in die Ecke. Die Frauen schminkten sich wieder, trugen Lippenstift und enge körperbetonte Kleidung, experimentierten mit Reizwäsche und ließen sich sogar von Männern ungestraft in die Augen und auf die Beine starren.

Und am Abend ging man ins “Bowie”, eine unter dem Namen der lebenden Legende wiedereröffnete große, glitzernde Disco am Lehniner Platz. David Bowie war Mann der Stunde, für mehr Glamour in der grauen Mauerstadt: Nicht umsonst hatte John Lennon über Bowies Musik einmal gesagt, das sei “Rock’n’Roll mit ein bisschen Lippenstift”.

Als “der Mann”, der in Nicholas Roegs gleichnamigem Film des Jahres 1976, “vom Himmel fiel”, hatte man den schmalen und bleichen britischen Beau, den Dandy mit dem magischen Touch und den ungleich großen Pupillen eines Außerirdischen damals ohnehin mehr im Auge als im Ohr. Das sollte jetzt anders werden, denn in den rund zwei Jahren, die Bowie in Berlin zubrachte, lief er mit den dort produzierten Alben “Low”, “Heroes” und “Lodger” zu musikalischer Höchstform auf.

Zuflucht im Berliner Transitraum

Außerdem erholte er sich von der Drogensucht, die ihn fast aufgezehrt hatte. Er war auch finanziell in der Krise und auf der Flucht vor Gläubigern und Steuereintreibern. Und wie viele Künstler und Intellektuelle nutzte auch er die Berliner Insel als Transitraum zum Sammeln neuer Inspirationen und kreativer Schübe, mit denen man irgendwann besser wieder weiterzieht, statt sie vor Ort verpuffen zu lassen.

In Berlin, hörte man in der nach Bowie benannten Disco, lebe der Rockstar in einer Schöneberger Altbauwohnung in der Hauptstraße; außerdem sei er mit Romy Haag liiert, der schönsten Transsexuellen, die Berlin je gesehen hat. Auch diese Affäre hat wenig Mythisches an sich, so wie die Berliner, wenn sie nicht aus Bielefeld oder Klein-Machnow stammen, um leibhaftige Prominenz gewöhnlich wenig Aufsehen machen.

Das kleine Etablissement “Chez Romy Haag” an der Ecke Welser-/Fuggerstraße war nicht einmal ein exklusiver Promischuppen, sondern ein auch unter Bafög-Empfängern beliebtes Tanzlokal, wo man, nach einem Kinoabend im nahen “Arsenal”, für ein paar Mark und ohne Getränkezwang hineinschauen, schwofen, die abendliche Transvestitenshow und als krönende Zugabe zuweilen auch den fulminanten Striptease der Hausherrin bewundern durfte.

Mit Bedeutung überfrachtet

Alles in allem war aber nichts und auch mit Bowie in Berlin nichts annähernd so aufregend gewesen, wie es vom Teutoburger Wald aus betrachtet den Anschein hatte und hat.

Dort etwa zur gleichen Zeit aufgewachsen, in der der notorische Mutant David Bowie in den wechselnden Kostümen von Ziggie Stardust und Aladdin Sane herumtingelte, ist der heutige FAZ-Feuilletonredakteur Tobias Rüther, bevor auch er nach Berlin ging. Doch da war Bowie schon lange wieder weg, die Erinnerung an ihn war in den großen Mythentopf dieser Stadt eingegangen, und auch die in dem berühmten Lied “Heroes” voller Pathos besungene Mauer war nicht mehr da, auch nicht mehr dort, wo ein Teil von ihr sich über den Hof der Hansa Studios zog, durch deren Fenster Bowie das im Lied verewigte Liebespaar beobachtet haben soll.

All diese Einzelheiten sind bekannt und oft genug beschrieben worden. An die Schauplätze führen im heutigen Berlin sogar Führungen. Rüther aber – und das ist sein Verdienst – hat nicht nur alles nochmal zusammengetragen, vor Ort recherchiert und Zeitzeugen befragt, er hat sich auch hingesetzt und sich den Kopf über die physischen Berührungen und Koinzidenzen zwischen der Stadt und dem Sänger zerbrochen. Beide, Bowie und Berlin, sind schließlich jeder auf seiner Weise, der eine eher sonor, die andere eher großmäulig, Meister der hypertrophen Selbstinszenierung.

Leider nur, und das macht das Buch nicht nur interessant und herausfordernd, sondern auch zunehmend nervig und stellenweise ärgerlich zu lesen, kann Rüther der mythischen Berührungen zwischen Star und Stadt, zwischen Gegenwart und Vergangenheit gar nicht genug kriegen. Da wird jedes Datum, jedes zufällige Zusammentreffen, jedes räumliche Nebeneinander mit Bedeutung befrachtet, so dass alles mit allem, vom Weltgeist bestellt, verabredet scheint: Bowie in Berlin mit Ernst Bloch, Sally Bowles, Adolf Hitler, den Malern der “Brücke”, Michel Foucault, der Verlegerin des Merve Verlags, deren Koch, dem Dieb, dessen Frau und deren Liebhaber.

Zwischen all diesen Verknüpfungszwängen und dem ganzen camp, mit dem ein Mythos als Wiedergänger von Wiedergängern im Zitat des Zitats des Zitats einen anderen generieren und am Leben erhalten soll, finden sich gottlob auch immer mal wieder so gute und treffende Einsichten wie die von Christopher Isherwood: Bowie hatte den berühmten Verfasser der “Berlin Stories” um Sally Bowles und die zwanziger Jahre emsig ausgefragt, worauf dieser ihn mit den Worten beschwichtigt habe, “die Stadt sei schon damals stinklangweilig gewesen”. “Junger Bowie”, fuhr Isherwood fort, “die Leute vergessen, dass ich ein sehr guter Geschichtenerzähler bin.” Was genauso für David Bowie gilt, der seine Geschichten auch noch singt und körperlich inszeniert. Buch zu. YouTube auf: “Let’s dance! Put on your red shoes and dance the Blues!”

Tobias Rüther: Helden. David Bowie und Berlin. Rogner & Bernhard Verlag, Berlin 2008. 221 Seiten, 19,90 Euro.

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