Das Phantom seiner Opern

by Th. Groß / DIE ZEIT

16th October 2003

Als Klassiker hat David Bowie die größtmögliche Ähnlichkeit mit sich selbst erreicht. Auf seiner Tournee kann man sich davon überzeugen

Die schlechte Nachricht zuerst: Alles schon dagewesen. Die Frisur, die Melodien, das falsche Lächeln. Selbst die Ouvertüre ein Déjà-vu: Vor vier Wochen war schon einmal Tourstart, in London, wo Band und Star zu einem bunten Abend zusammenfanden. Mit der Kamera als Zeuge gab David Bowie den David Bowie, wie wir ihn kennen oder zu kennen meinen, der Rest der Welt sah’s, wenn er wollte, auf dem Bildschirm seiner Wahl. Simultan, versteht sich. Riomailandberlintokyo eine Schalte.

Nette Idee, einer Serie von Live-Auftritten den eigenen medialen Schatten vorauszuschicken, eine typische Bowie-Idee: so reflektiert, so… vorneweg. Dass „Live“ als Ereignis auch nur eine Fiktion ist, ließe sich daraus lesen, und dass es zur Not auch ein Video täte. Bloß der Inhalt widerspricht der Form, was uns zur guten Nachricht bringt: Experimente bleiben einem diesmal erspart. Kein mauergraues Avantgarde-Gewitter, keine Hard-Rock-Ferkeleien, kein Wühlen im Theaterfundus – nach Jahren des Umherirrens an der Innovationsfront hat der Mann, der in den Siebzigern vom Himmel fiel, die größtmögliche Ähnlichkeit mit sich selbst erreicht und scheint auf der Zielgeraden zum Klassiker.

Bowie 2003, das ist vor allem ein Interpret seines eigenen Schaffens. Er kommt „seriös“ in Jackett und Jeans. Er hat seinen Widerstand gegen die alten Lieder aufgegeben, singt sie schon vor der Zugabe von der Bühne herab. Er hat ein Album namens Reality gemacht, das sich missgünstig als Selbstplagiat beschreiben ließe und mit Emphase als Rückkehr zu alten Tugenden: Es gibt sie noch, die guten Bowie-Stücke, und keiner fertigt sie besser als der Typ, der sie erfunden hat. Blendend gehe es ihm, seit er das endlich begriffen habe, erzählt er jedem, der zu Interview-Zwecken vorgelassen wird in den engeren Machtbereich. Doch Bowie wäre nicht Bowie, gäbe es nicht umgekehrt den Punkt, an dem die Form dem Inhalt widerspricht: Man kriegt, was man sieht, aber was sieht man denn? Das Phantombild eines Klassikers, einen Rock-Unternehmer, der seine Aktien stabil hält.

Die Rollendistanz – sie ist David Robert Jones’ ureigene Erfindung, sein Beitrag zur Popgeschichte. Der bleich geschminkte Pierrot, der Diamantenhund, der verwegene Ziggy und seine Spinnen vom Mars: Was er auch anpackt, er kann es bekanntlich schnell wieder fallen lassen. Selbst wo er ganz bei sich scheint, hat er etwas von einem singenden Schauspieler. Ein Manko, das zugleich sein großes Plus ist, der Grund, warum er bis heute interessiert. Erst Bowie hat dem authentischen Rocktier der Sechziger den coolen Dandy entgegengesetzt, der sich vor dem Spiegel selbst entwirft. Bloß eine einzige Rolle im Leben? Entschieden zu wenig, wenn die Kostüme sich häufen.

Bowies Karriere ähnelt, den melodramatischen Zügen zum Trotz, in vielem einer Verkleidungskomödie. Erst in der korrumpierten Sphäre von Mode, Medien und Bewusstseinsindustrie findet sie zu sich selbst. Das Halbseidene ist sein Metier, und wer ihn dafür einen Scharlatan schimpft, einen Selbst- und Fremddarsteller ohne Originalitätsanspruch, rennt offene Türen ein. Leerzeichen, Kopiergerät, Mann in Anführungsstrichen – er hat’s immer schon selbst gesagt, vorweggenommen. Bowie weiß, dass jedes Image nur Teil einer großen Gegenwartsoper ist, Verbindlichkeiten erwartet man von ihm vergeblich. Gerade in der Pose aber triumphiert der Stil über das gewöhnliche Leben. Die Mondkalbkids der Siebziger mit ihren Plateausohlen haben es am schnellsten begriffen: Glamrock, das war die Demokratisierung des Dandyismus zum Teenage-Phänomen und Bowie unser Mann im All.

Warum an der Gitarre glänzen, wenn man Börse spielen kann?

Es ist die Erfahrung der grenzenlosen Umschmelzbarkeit der Welt, die sich in seinen Weltraumarien ausdrückt: Was gerade noch geheimer Werkstoff der Nasa war, kann morgen schon Teflonpfanne sein und übermorgen Glitzerpaillette am Saum eines Rockstar-Kleids. Das Ich ist auch nur eine Marionette im Strom der Erscheinungen, von keiner Tradition angekränkelt, von keiner Religion mehr gebunden (außer der selbst ausgedachten), Kontinuität findet es nur in den permanenten ch-ch-ch-changes seiner Oberfläche. Lange bevor Richard Sennett den Begriff erfand, war Bowie ein flexibler Mensch. Und lange bevor Studenten in Seminaren die condition postmoderne diskutierten, hat er ihnen im Kinderzimmer davon geflüstert. Bowie – der Sandmann des Space-Age.

Konsequent in diesem Sinne war ihm auch das Leben als Glamrocker nie genug. Warum bloß an der Gitarre glänzen, wenn man auch Börse spielen kann oder Berühmtsein? Bowie veräußerte sich unter reger Anteilnahme der Fans als Aktienpaket: der erste Rockstar zum ökonomischen Besitzen. Er hat die Berühmtheit als Kunstform vorangetrieben, mit Model-Ehefrau und gelegentlichen Grußkarten aus dem Nachtleben. Als Mitglied der Medienaristokratie übt er sich in Benefiz-Aktionen, sammelt Kunst, malt, schreibt, „dreht“ – wenn auch nicht gut, so doch offenbar gerne. Neuerdings kuratiert er sogar ein Festival. Den prototypischen Menschen einer zweiten Renaissance wollen manche darin erkennen, doch es geht natürlich auch um Kontrolle: dabei zu sein, wenn die Welt sich bewegt.

Seinem eigentlichen Kerngeschäft, der Musik, war dieser forcierte und manchmal ängstliche Avantgardismus nicht immer zuträglich. Einige seiner Platten wirken wie die Software zu einem Betriebsunfall, die bloße Realisierung eines Konzepts, andere artsy fartsy und oberschlau bis an die Schmerzgrenze. Besonders in den Achtzigern trieb der Zwang, immer am Ball zu bleiben, den Opportunisten in Bowie hervor. Jetzt wurde er endgültig Mainstream, doch um den Preis einer schmerzlichen kreativen Baisse – eine Erfahrung, die er vergebens mit dem Designer-Rock der Tin-Machine-Phase zu kurieren suchte: Mittelalte Männer tun noch einmal ultrajung. Erst mit Hours, seinem 1999er Album, setzte – bemerkenswerterweise vor dem Niedergang des Neuen Markts – eine Rückbesinnung auf den Wert des eigenen Markenartikels ein.

Reality, die Tour wie das Album, ist die Verlängerung dieses Konsolidierungskurses in die Gegenwart, der Eklektizismus Bowiescher Prägung wird unter Verwendung selbstähnlicher Bestandteile ins Evergreenhafte gehoben. „Bowie“ schlüpft wieder in die Rolle von Bowie, einem nicht mehr ganz frischen Lebemann, der sich umso besser aufs Unterhalten versteht. Mit Tony Visconti, seinem Hausproduzenten aus alten Tagen, führt er ein weiteres Mal vor, dass er’s einfach drauf hat: das hysterische Tremolo in den höheren Lagen, den Kunsthochschulfunk, die pastos hingepinselten und doch raffinierten Hintergründe. Das Ganze stets lächelnd, aufgeräumt und ohne Scheu vor dem Applaus – do it again, David!

Ein bisschen Melancholie gibt es doch. „Now my death is more than just a sad song“, singt er einmal, und für den Moment kehrt Besinnlichkeit ein, ein Anflug von Gequält- und Getriebensein, wie man ihn sonst nur in den Alterswerken von Überlebenden findet, die sich aus den authentisch verschwitzten Sechzigern herübergerettet haben. Doch auch diese Einlassung bleibt kursorisch, posenhaft, wer so viele Rock-’n’-Roll-Tode wie Bowie gestorben ist, dem nimmt man die Zurüstung für die eigene Sterblichkeit nicht ab. Schon ist er wieder beim Gegenteil: „Hope I never get old“, ein Refrain, eine hingebratzte Gitarre, ein Zitat natürlich auch. Punkrock? Das haben wir doch schon mit zwanzig vorweggenommen.

Nicht auszuschließen, dass so die fröhliche Rentnergesellschaft klingt, die auf uns alle zukommt, mit den Stones im ewigen Vorruhestand und dem eleganten Herrn Bowie als Nachrücker – schließlich braucht auch der postmoderne Pop allmählich einen Vertreter im Pantheon. Keiner verlässt die Bühne freiwillig. Wahrscheinlicher aber handelt es sich noch nicht um das amtliche Endergebnis, sondern um ein Zwischenspiel: Ein Rock-’n’-Rollenspieler blättert im eigenen Poesiealbum. Vor und zurück, zurück und nach vorn. Alles schon dagewesen, es stimmt. Die letzte Seite bleibt leer.

Tourtermine: 16.10. Hamburg, 18.10. Frankfurt am Main, 26.10. Stuttgart, 27.10. München, 31.10. Köln, 1.11. Hannover, 3.11. Berlin

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1 Comment

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One response to “Das Phantom seiner Opern

  1. Eva-Maria Hamann

    Einfach ein toller Bericht – und mal sogar in Deutsch! DANKE!

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