“Wir wütenden alten Männer”

by Michael Streck / Stern

21st September 2003

Herr Bowie, in Ihrem Album “Reality” beschäftigen Sie sich intensiv mit Tod und Terror und den Auswirkungen des 11. September. Verarbeiten Sie immer noch?

Eigentlich wollte ich Stücke schreiben, die zu meiner Band passen – lebensbejahende, optimistische Songs. Aber Sie haben schon Recht, wenn ich mir das so anhöre, da ist viel Trauer. Ich neige zum Nihilismus.

Sie singen: “Ich verlor Gott in einer New Yorker Minute.” Haben Sie je an ihn geglaubt?

Eine meiner zentralen Lebensfragen, die mich bis ans Ende meiner Tage verfolgt. Gott? Ich glaube an dich, ich glaube nicht an dich, ich glaube ein bisschen an dich … Ich habe das Problem nie gelöst. Ich versuche es jeden Tag von neuem.

Im Song “Never Get Old” kokettieren Sie mit Ihrem Alter.

Und das hat Spaß gemacht! Es ist pure Ironie, wenn ein Rocker von fast 60 Jahren behauptet, er werde nicht älter.

Ein Seitenhieb auf die MTV-Generation, die mit alten Knackern wie Ihnen nichts mehr anfangen kann oder will?

Irrtum, ich habe mit denen kein Problem. Warum auch? Wir waren damals ähnlich. Meine Generation war die erste mit einer stimmigen Ideologie: Wir wussten genau, was für eine Art Sex und welche Drogen wir wollten, wir hatten eine klare Vorstellung von Politik, und wir wollten natürlich die Gesellschaft verändern. Ich glaube sogar, dass wir für diesen Riss durch die Generationen verantwortlich waren – trau keinem über 30 und der ganze Quatsch.

Und was ist davon übrig geblieben?

Heute sind wir eine Generation von wütenden alten Männern. Aber das Gute ist, dass wir mit den Jungen klarkommen. Ich unterstütze auch junge Musiker, denn es wird für sie immer schwerer, gehört zu werden. Es zählt nur noch der schnelle Erfolg – Umsatz, Umsatz, Umsatz. Die Industrie giert nach Popularität.

So entsteht dann “American Idol”, und auch in Deutschland wird der Superstar gesucht. Hätte es der junge David Bowie ins Finale geschafft?

Der junge David Bowie hätte gar nicht mitgemacht. Wenn ich noch mal Teenager sein dürfte, wäre ich immer noch Snob. Was die da machen, erinnert mich an Kreuzfahrt-Unterhaltung. Am Ende eines langen Tages kommen die Stewards und Hostessen raus auf die Bühne und müssen für die Passagiere noch den Clown spielen. Schrecklich. Leider haben wir eine ganze Reihe dieser Kreuzfahrt-Unterhalter an der Spitze der Charts.

Sie sagen gern das Ende der Musikindustrie voraus.

Sie wird in sich zusammenbrechen, davon bin ich überzeugt. Musik ist inzwischen so zugänglich wie Wasser oder Strom. Wir erleben jetzt schon massive Veränderungen durchs Internet. Die Leute laden sich was runter im Netz, mixen es neu und verschicken es weiter. Der eigentliche Song wird irgendwann nur noch Rohmaterial sein. Und vor allem wird das antiquierte System des Vertriebs und Marketings wegfallen, nur eine Frage von ein paar Jahren.

Gehen Sie deshalb so gern auf die Bühne?

Ja, Livekonzerte bleiben einzigartig.

Sie haben in 30 Jahren 26 Alben herausgebracht. Sie schlafen nur fünf Stunden pro Nacht und haben nun eine siebenmonatige Welttournee vor sich. Wie laden Sie Ihre Batterien wieder auf?

Richtig, es ist anstrengend. Vielleicht mache ich mich auch fertig damit. Aber ich sauge nun mal meine Energie aus Arbeit. Verrückt, früher habe ich Drogen genommen, vor allem um länger arbeiten zu können. Das ist vorbei. Aber ich bin, wie man weiß, eine suchtanfällige Person. Und Arbeit kann süchtig machen.

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