Bruni, Jessica 6 und Warpaint suchen David Bowie

by Michael Pilz / Die Welt

2nd April 2011

“Ich hab nicht viel zu bieten”, singt die Frau des Präsidenten, Carla Bruni Sarkozy. Ihr Lied heißt “Absolute Beginners”, stammt von David Bowie und erschien im März vor 25 Jahren.

Sie haucht die demütigen Zeilen wie das Mädchen, das sie damals war, bevor sie berühmte Männer traf; die Stimme bebt vor Sehnsucht, sie versteckt sich hinterm Klavier. “We Were So Turned On” nennt sich eine Sammlung, die in 38 Interpretationen Bowies Lebenswerk beschwört und seine Aura.

Bowies Musik ist allgegenwärtig

Als wären sich Bruni, Jessica 6 und Warpaint bei einer Séance begegnet, um ihn anzurufen: Wo, um Himmels willen, bist Du, Bowie? Exitmusic singen “Space Oddity” zu Funksignalen, wie sie Alienforscher in den Anden vom All empfangen. Keren Ann singt “Life On Mars” zum Streichquartett. Mick Karn spielt “Ashes To Ashes” als Requiem, er hat den verschollenen Meister aufgegeben.

David Bowie lebt, das gilt als sicher. Umso irritierender wirkt die Allgegenwart seiner Musik und seines Geistes. Er erfährt bereits, was Nachruhm heißt – profane Popstars müssen dafür sterben.

Bowie führt mit 63 Jahren eine Existenz, die sonst nur kauzigen Literaten zugestanden wird. In seinen Songs. In Bildnissen, auf denen er aus zwei verschiedenen Augen in die Welt starrt, eine Nofretete aus dem 20. Jahrhundert.

Tourende nach einem Herzinfarkt

Seine letzte Platte nahm er vor acht Jahren auf, sie hieß “Reality” wie die sich anschließende Welttournee, und was sich dort als Wirklichkeit erwies, hatte mit Bowies großzügiger Vorstellung von “Wirklichkeit” nichts mehr zu tun.

In Oslo rammte ihm ein überschwänglicher Besucher Zuckerwerk ins Auge. Als er während eines Festivals in Scheeßel an der Wümme einen Herzinfarkt erlitt, war für ihn nicht nur die Tour erledigt. In einem seiner letzten Interviews bekannte er: “Ich habe die Nase voll von dieser Industrie, und das nicht erst seit heute.”

Leibhaftig wurde er noch gelegentlich gesichtet. In der TV-Serie “Extras”, auf der Bühne mit der Rockband Arcade Fire und mit TV On The Radio, mit denen er “Province” sang, eine Hymne aufs kleine Leben. Zuletzt sah man ihn bei einem Filmfest in New York, wo “Moon” Premiere feierte, gedreht von seinem Sohn, der nicht mehr Zowie Bowie heißen möchte, sondern wieder Duncan Jones.

Bowie genießt nun den Ruhestand

Der Mann, der David Bowie war und angeblich vom Himmel fiel, genießt den Ruhestand als David Robert Jones, so steht es in seiner Geburtsurkunde. Lady Gaga sagt: “Ich trete niemals vor die Haustür, ohne mich zurecht zu machen. So wie ich auch Bowie nie im Trainingsanzug sehen möchte.”

Lady Gaga weiß, was sie ihm zu verdanken hat. Vor 40 Jahren sang Bowie in der Carnegie Hall und sah dabei herab auf Zuschauer wie Truman Capote und Andy Warhol. Es ging um öffentlich sanktionierte Hochstapelei, um Oberflächenreize und das Richtige im Künstlichen, um Pop.

Er fuhr in Staatskarossen winkend durch die Straßen Londons. Er besang den Übermenschen, “you gotta make way for the homo superior”, in “Oh! You Pretty Things”. Er zog sich nach Berlin zurück, um sich zu fühlen wie in Christopher Isherwoods Büchern, sich im Brücke-Museum zu Plattenhüllen anregen zu lassen und im Ledermantel Bert Brecht zu spielen.

Seine Figuren werden noch gebraucht

Nebenbei nahm er drei Alben auf, um in den Siebzigern bereits die Achtziger einzuläuten. Das danken ihm Duran Duran heute mit einer schüchternen Version von “Boys Keep Swimming”.

Wenn man seine Stücke wieder häufiger im Radio hört und seine Bilder überall sieht, denkt man: Er wird wohl gestorben sein. Zum Abschied von der Bühne widmete ihm “Du”, das intellektuelle Schweizer Magazin, ein Heft mit 22 Titelvarianten, vom blutjungen, schielenden Kunststudenten bis zum nachdenklichen Veteranen im Pullover.

Der “Musikexpress” erschien zuletzt mit vier verschiedenen Bowie-Titeln. “Space Oddity” wird geblasen von Till Brönner, es klingt an in “Drei”, Tom Tykwers Film über die sexuellen Wirren mittelalter Menschen in Berlin. Es ist ja wahr: Er hat den Pop verwandelt in ein Schlachtfeld der Identitäten.

“All meine Figuren haben ihren Zweck erfüllt, jetzt können sie in Rente gehen”, stellte David Bowie zur Jahrhundertwende fest. Da hat er sich mal geirrt. Seine Figuren werden noch gebraucht.

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1 Comment

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One response to “Bruni, Jessica 6 und Warpaint suchen David Bowie

  1. Eva-Maria Hamann

    yes, we need even new – and Mr. Bowie gives it to us…Thank You!!!

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