David Bowie: Das bizarre Leben des Pop-Chamäleons

by Holger Erdmann / Focus

7th January 2007

Es ist eine bizarre Szene: Schlohweißes Haar, tattrig und völlig überfahren sitzt der alte Mann da und schaut auf das, was ein junger Schwarzer mit – oder besser gesagt – aus seinem Bild macht. Dieser junge Schwarze heißt Jean-Michel Basquiat und übermalt eine riesige Leinwand. Fassungslos fragt der Alte: „Ist das jetzt noch Kunst? Oder ist es vielleicht sogar besser als vorher?“

Bowie spielt Warhol

In dieser Szene aus dem Film „Basquiat“ von Julian Schnabel stellt David Bowie die Pop-Art-Ikone Andy Warhol ironisch gebrochen als einen Mann dar, der die Welt nicht mehr versteht. Seine fast symbiotische Beziehung zu Andy Warhol reicht weit in die Vergangenheit. Schon 1971 hatte Bowie für sein Album „Hunky Dory“ den Song „Andy Warhol“ aufgenommen. Und ebenso schillernd, unnahbar und undurchschaubar wie Warhol wollte wohl auch David Bowie immer sein.

Multiple Persönlichkeit Bowie

Mit seinen Fantasiefiguren „Ziggy Stardust“ und vor allem mit dem „Major Tom“ hatte sich David Bowie in den 70er-Jahren als singender Schauspieler selbst inszeniert. „Man muss sich immer durch einen Haufen Widersprüche hindurcharbeiten, bevor es einen tatsächlichen Fortschritt gibt“, erklärt David Bowie. Er muss es wissen, denn kaum ein anderer Künstler hat so viele Wandlungen durchlebt wie der Brite.

Bowie war seiner Zeit vielleicht nicht immer ein Stück voraus, aber er hat viele Entwicklungen in der Popmusik der 70er- und 80er-Jahre maßgeblich beeinflusst – vom Glamrock über den „weißen“ Soul bis zum elektronischen Avantgarderock. „Es waren wirklich exzessive Zeiten. Ich habe damals pro Jahr zwei neue Alben gemacht. Aber als ich zur Spitze des Mainstreams gehörte, fühlte ich, dass meine ursprünglichen Gründe, Musik zu machen, ungültig geworden waren. Ich wollte immer an der Peripherie des Mainstreams bleiben, anstatt mittendrin zu sein.“

Ewig singender Schauspieler

Nicht nur als Musiker ist Bowie bekannt geworden, auch seine schauspielerische Ader lebte er mit durchaus ambitionierten Projekten aus. Nachdem er für seine Rollen in Filmen wie „Der Mann, der vom Himmel fiel“ und „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ noch wechselhafte Kritiken bekommen hatte, überzeugte er 1980 in der Broadway-Inszenierung von „The Elephant Man“ auf der ganzen Linie. 1986 folgten gleich zwei Filme, in denen Bowie mitgewirkt und für die er die Musik geschrieben hat – das Musical „Absolute Beginners“ und der Fantasy-Streifen „Labyrinth“. In seinem bislang letzten Film, „Prestige – Der Meister der Magie“, verkörpert Bowie Anfang 2007 den genialen Wissenschaftler Nikola Tesla, der dem Magier Robert Angier (Hugh Jackman) helfen soll, hinter das Geheimnis der erfolgreichen Erfindung von dessen Konkurrenten Alfred Borden (Christian Bale) zu kommen – ein Film, der sich exemplarisch mit der Macht der Illusionen beschäftigt. Ein Spiel, auf das sich der Brite versteht wie kaum ein anderer.

Von der Neugier getrieben

Bowie ist vielleicht nicht mehr so chamäleonhaft wie in den 70er-Jahren, aber bis heute treibt ihn die Neugier. „Der kommerzielle Aspekt interessiert mich nicht. Das hat mir in der Vergangenheit reichlich Probleme bereitet. Aber wenn ich ein Album mache, tendiere ich zum kommerziellen Selbstmord, denn ich revoltiere immer gegen mein letztes Album – besonders wenn es erfolgreich war.“

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