Tony Visconti: Der Vater des Glam-Rock

by Holger Erdmann / Focus

24th April 2009

Tony Visconti hat Produzent für David Bowie und T. Rex mehrere Kapitel Rockgeschichte geschrieben. Jetzt wird der Sound-Guru 65 Jahre alt. In Rente geht er aber noch nicht.
Er ist nicht so durchgeknallt wie der Wall-of-Sound-Magier Phil Spector, nicht so majestätisch wie der Beatles-Produzent Sir George Martin und nicht so verschroben wie der Meat-Loaf-Erfinder Jim Steinman. Trotzdem gilt Tony Visconti als einer der einflussreichsten Produzenten der Popmusik.

Aus dem Leben eines Herrschers

„Die Rolle eines Produzenten hat sich kaum verändert, seit Fred Gaisberg Ende des 19. Jahrhunderts Opernsänger instruierte, beim Singen etwas näher an das Mikrofon zu kommen oder etwas davon wegzugehen, während er ihre Performance in Wachszylinder ritzte …“ – mit diesem nonchalanten Satz aus seinem Buch „Bowie, Bolan and the Brooklyn Boy“ wird der Besucher der Web-Seite von Tony Visconti als Erstes konfrontiert. Kein Wort über die besondere Magie im Studio, kein Verweis auf den göttlichen Funken der Inspiration, keine Erwähnung des aufblitzendes Genies, das aus einem schnöden Fetzen Musik ein Klangjuwel zaubert.

Tony Visconti war nie ein Mann großer Worte. Wenn man ihm gegenübersteht, strahlt der gebürtige New Yorker eher etwas Kollegiales aus, als dass man einen der einflussreichsten Herrscher über die Tasten und Knöpfe vermuten würde. Er ist nüchtern, klar und geradeaus. Aber auch bestimmt. Vielleicht hat diese Bodenständigkeit etwas damit zu tun, dass seine Versuche, als Musiker und Sänger Erfolg zu haben, relativ schnell in einer Sackgasse landeten. Vielleicht liegt sie auch darin begründet, dass er schon jahrelang als Hausproduzent des Verlages Richmond Organisation tätig war, bevor sein Stern als Produzent von David Bowie oder T. Rex erstrahlte.

Musik von der Pike auf

Tony Visconti wurde im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn geboren. Sein Vater, ein leidenschaftlicher Musikliebhaber, brachte ihm als Erstes das Spielen auf der Ukulele bei. In seiner Schulzeit fuhr der vielseitig interessierte Tony musikalisch zweigleisig. Einerseits spielte er Tuba in einem klassischen Blasorchester sowie Kontrabass in einem anderen Orchester, andererseits ließ er es in einer Rock-’n’-Roll-Kapelle auf der E-Gitarre krachen. Mit 15 konzentrierte er sich dann aber nur noch auf den Rock ´n´ Roll mit der Gruppe Ricardo and the Latineers, der allerdings kein langes Leben beschieden war.

Zusammen mit seiner späteren ersten Ehefrau Siegrid konnte er als Duo Tony & Siegrid mit der Single „Long Hair“ 1966 ein einziges Mal einen moderaten Erfolg verbuchen, aber dabei blieb es auch. Zwei Jahre später sollte sein Leben eine entscheidende Wendung nehmen, als er vom britischen Produzenten Denny Cordell das Angebot bekam, in London als dessen Assistent die Aufnahmen des damals sehr bekannten Sängers Georgie Fame zu betreuen.

Durchbruch in England

Der Umzug nach London wurde zum Startschuss einer äußerst erfolgreichen Karriere als Produzent. „Als ich einige Beatles-Aufnahmen hörte, die von George Martin produziert wurden, begann ich zu verstehen, dass das Produzieren nicht nur eine Art Spiegelung einer Live-Performance, sondern tatsächlich eine Kunstform war. Als Assistent von Denny arbeitete ich in jenen Tagen mit Künstlern wie Procol Harum, Manfred Mann oder Joe Cocker. Eines Tages meinte Denny, dass es an der Zeit sei, mein erstes eigenes Album zu produzieren.“

Der erste Versuch mit dem Sänger Biddu, einem indischen Elvis-Verschnitt, endete in einem Fiasko. Visconti überzeugte Cordell, dass er einen Künstler nur dann gut produzieren könnte, wenn er dessen Musik wirklich mag. Im Londoner UFO Club gelang ihm dann Anfang 1968 seine erste große Entdeckung: Tyrannosaurus Rex, alias Marc Bolan. „Du bist der achte Produzent, den wir diese Woche getroffen haben. Gestern Abend war John Lennon hier und er will uns produzieren“, war der großkotzige Kommentar Bolans auf die Avancen Viscontis. Natürlich stimmte nichts davon – und ein paar Tage später rief Marc Bolan zurück.

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