Es ist nie zu spät für einen Wackelschieber

by Jan Wiele / Frankfurter Allgemeine Zeitung

1st March 2013

Grandioser Zombie-Boogie: Der Hype um das erste Album von David Bowie nach zehn Jahren hatte tatsächlich sein Recht. Es gehört zum Besten, was Rockmusik heute anzubieten hat.

Mit seinem Berliner Totentanz zu Beginn dieses Jahres hat David Bowie alle genarrt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich aus dem Nichts die Nachricht, es kursiere nach zehnjähriger Schaffenspause des Künstlers ein sonderbares Video mit dem Titel „Where Are We Now“. Es bietet im Bild wie auch im Songtext eine elegische Erinnerung an Bowies Berliner Zeit Ende der siebziger Jahre, darüber hinaus ist es aber noch garniert mit einer verstörenden Animation des Videokünstlers Tony Oursler, die ein zweiköpfiges Mischwesen aus Bowie und Ourslers Frau in schonungslosem Close-up zeigt. Und dann ebendieses Lied, in dem dauernd die Zeile „Walking the Dead“ fällt und Bowie dann auch noch auf Deutsch von Potsdamer Patz und Bösebrücke singt – gespenstisch.

Als man in der Zeitung Bilder zu Bowie heraussuchen wollte, stellte man fest, dass es da ebenfalls sehr lange keine gab: Die letzten Konzerteindrücke, bei denen der Mann noch immer wie ein blonder Jüngling im roten Samtanzug strahlte, waren ebenfalls eine Dekade alt – und jetzt war Bowie plötzlich nur noch ein zerknautschter Eierkopf auf dem Sofa, der jeden Moment in Tränen ausbrechen wollte! Wie würde also das mit großem Tamtam angekündigte Album eines Mannes in diesem Zustand werden, von dem man annehmen musste, dass er schon mit einem Fuß im Jenseits der Rockgeschichte steht?

Ab heute weiß man, warum Bowie uns mit diesem Eindruck zum Narren gehalten hat. Denn die Antwort, die er nun auf dem Platz gibt, beginnt mit einem Tor in der dritten Spielsekunde, nämlich beim Titelstück und Opener des Albums „The Next Day“. Es ist ein dreckiges, englisches Tor, und Dreckrock ist die Richtung, die auch die ganze Partie bestimmt. Bowie knüpft da an, wo er mit seinem vielleicht besten Song überhaupt, „New Killer Star“ (unter dem Hashtag #Aufschrei mögen nun die Fans der Bowie-Frühzeit ihre cholerischen Anfälle kriegen), auf dem Album „Reality“ 2003 aufgehört hatte.

Immer wieder Hunger auf das letzte Gericht

Es sind diese herrlich zerrenden Gitarren über absoluten Killer-Grooves (die eher Billy-Idol-Gesten evozieren als Erinnerungen an den Thin White Duke), welche aus der Platte ein furioses Champions-League-Spiel der Rockmusik machen, bei dem man gleichwohl nicht auf schöne Kombinationen und die eine oder andere Pirouette verzichten muss. In der Gewichtsklasse von „The Next Day“ gibt es gleich mehrere Stücke, zum Beispiel das nicht weniger losrockende „Love is Lost“. „Wave goodbye to a life without pain“, singt Bowie darauf, während die Musik gleichzeitig die Zähne zusammenbeißt.

Die Frage, wie es Bowie denn eigentlich gehe, wird ebenfalls gleich im ersten Stück beantwortet: „Here I am/Not quite Dying“. David Bowie ist noch da, ja, er ist so was von zurück, dass dagegen viele andere Comebacks alt aussehen. Dennoch folgt der augenzwinkernden Beruhigung, dass er noch lebe, dann noch ein überraschendes Ende des Satzes: „…my body left to rot in a hollow tree“.

Hier schließt sich der Kreis zu den Toten aus dem Berlin-Video. Sie erweisen sich als Zombies, die auf dem Album hier und da durch die Lieder spuken. Das Lustige ist, dass durch dieses Thema auch eine vermeintlich harmlose Zeile wie „The stars are out tonight“ plötzlich unter Verdacht gerät: Hier könnten nicht nur die zwinkernden Sternlein am Himmel, sondern wiederum totgeglaubte Rockstars gemeint sein. Und tatsächlich: „The Stars are never sleeping/The dead ones and the living.“ Das Lied wird so zum grandiosen Zombie-Boogie. Nach diesem Boogie ist der neue Bowie wohl geradezu süchtig, wenn er an anderer Stelle singt: „Can’t get enough of that doomsday song“.

Mit Tilda Swinton durch den Weltraum

Dass Bowie tatsächlich eine Apologie des ehrlichen Rock anstrebt, scheint auf der Hand zu liegen, wenn man Handklatschnummern im Upbeat-Tempo wie „Dancing Out in Space“ anhört. An diesem Lied zeigt sich darüber hinaus auch das Spiel Bowies mit Selbszitaten: Es ist die logische Fortsetzung von „Dancing in the Street“ , einem Motown-Hit, den sich Bowie 1985 gemeinsam mit Mick Jagger aneignete, in den Weltraum hinein.

Der Blick in die eigene Musikgeschichte findet seinen Ausdruck außerdem auf dem Albumcover. Es ist jenes der Bowie-Platte „Heroes“ von 1977, die eben das Hauptstück seiner sogenannten Berliner Trilogie darstellte. Das Schwarzweißbild des Künstlers wird nun mit einem weißen Feld ausgeblockt, in dem der schlichte Titel „The Next Day“ steht.

Bowie hat dieses neue Album über Jahre im Geheimen produziert – mit Hilfe seines alten Bekannten Tony Visconti, der ebenfalls schon damals in Berlin mit von der Partie war. Wann man diese Platte nun hören kann, hat dieser Tage zu einiger Verwirrung geführt, weil die Lieder zunächst nur als Stream im Internet zur Verfügung gestellt werden; das „physische Album“, wie man heute angesichts der wolkig gewordenen Musik sagt, erscheint erst am achten März. Zusammen mit dem Netz-Hype um das Oursler-Video und ein nicht weniger eindrucksvolles zu „The Stars Are Out Tonight“, in dem Bowie mit Tilda Swinton herumgeistert, hat also die Werbemaschinerie eine ordentliche Welle gemacht und die Spannung gesteigert. In diesem Fall muss man sagen: zurecht. Das mag ein Erfolg für die Industrie sein, es ist in erster Linie aber einer für den Künstler Bowie, um den sich manche schon Sorgen machten.

Endlich ironiefrei tanzen

Manche sehen in der Pose, die Bowie hier in den Songs und Videos einnimmt, eine Parodie: Bowie als Rentner, der sich wehmütig an seine besten Zeiten erinnert – aber was wäre eigentlich so schlimm daran? Unter den vielen harten Stücken entfaltet das tief melancholische „Where Are We Now“ erst seine ganze Wucht, und auf der zweiten Ballade des Albums „You Feel So Lonely You Could Die“, die automatisch auch an den alten Hank Williams erinnert, verzeiht man Bowie sogar einen Backgroundchor, den es sonst nur bei Pink Floyd gibt, weil das Bild eines verlorenen Mannes darin so rührend ist: „Leaving slips of paper somewhere in the park“.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die Phase der Ironie zumindest bei David Bowie ans Ende gekommen ist, dann steckt er in eben jenem „Dancing Out in Space“, das im Tanz die Erlösung verspricht: „Something like religion: / Dancing face to face“ lautet sein Heilsversprechen, und dann noch: „No one here can beat you“. Das ist kein Scherz, und es erinnert ein bisschen an den Tanzfilm „Fame“. Es könnte von vielen Tanzflächen einen heute manchmal doch lähmenden Ambivalenzdruck wegnehmen, durch den stets das Gefühl regiert: Dazu kannst du doch nicht im Ernst abrocken! Zu einem Wackelschieber wie „The Next Day“ wird man aber gar keine andere Wahl haben. Bowies Botschaft, die der Sechsundsechzigjährige wohl auch sich selbst noch einmal zuruft, lautet: Du kannst es.

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2 Comments

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2 responses to “Es ist nie zu spät für einen Wackelschieber

  1. keep up the great work , I read few posts on this website and I believe that your weblog is real interesting and holds bands of excellent information.

  2. Thanks! But just one thing: the article above and a whole lot of others on here are press articles that I did not write, but I saved those and way older ones on here as a reference text for future analyses.
    My own analyses are those of songs and other essays.

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