Das neue David Bowie Werk: zu wirr, zu lang

by Arne Willander / Berliner Zeitung

4th March 2013

Vor zehn Jahren ist das letzte Album von David Bowie erschienen. Am Freitag soll nun „The Next Day“ (Sony) veröffentlicht werden. Doch schon jetzt ist es komplett und gratis auf iTunes zu hören.

„The Next Day“: Funkiger Rock’n’Roll der Sorte, die wir vom Bowie der 70er-Jahre kennen, mit Reminiszenzen an das fräsende Gitarrenspiel von Carlos Alomar. Ein verheißungsvoller Auftakt.

„Dirty Boys“: Gedehntes Stück zwischen Blues und Tom Waits mit putzigem Saxofon-Tröten und zurückgenommenem Gesang.

„The Stars (Are Out Tonight)“: Ein majestätisches, zwingendes Rock-Stück von kaum noch für möglich gehaltener Schlichtheit und Größe.

„Love Is Lost“: Eine großartige, elegische Ballade mit Orgel und Kurt-Weill-Flair. „Wave goodbye to life without rain“, singt Bowie, durchaus nicht verzagt.

„Where Are We Now?“: Bowies melancholischer Spaziergang durch Berlin, deutsche Namen radebrechend, gebrechlich Gespenster suchend. Ergreifend.

„Valentine’s Day“: Noch eine emphatische Ballade, bebend, dramatisch, mit Gitarren-Solo am Ende.

„If You Can See Me“: Hektischer Song mit verzerrtem Gesang, Stakkato-Schlagzeug und zu vielen Effekten. Vergeigt.

„I’d Rather Be High“: Das Schlagzeug gibt einen Militärmarsch vor, doch im Refrain entwickelt sich das Stück zu einem lieblichen, eingängigen Psychedelia-Song wie im England von 1967.

„Boss Of Me“: Großes Pathos, tiefes Saxofon, eine Ode an ein „smalltime girl“, reduziert und cool à la „China Girl“.

„Dancing Out In Space“: Endlich! Die Weltraum-Mär! Leider eine etwas panische Angelegenheit mit treibendem Schlagzeug, abgehacktem Gesang und jubilierenden Gitarren.

„How Does The Grass Grow“: Das irrste Stück: ein Gaga-Kinderlied mit ruppiger elektrischer Gitarre und Teletubbies-Gesang.

„(You Will) Set The World On Fire“: Hymnischer Rock-Song mit Schmackes – platt, aber effektiv.

„You Feel So Lonely You Could Die“: Die letzte himmelstürmende Ballade des Albums, mit Piano und Bravado, Streichern und opernhaftem Chor.

„Heat“: Unverhüllte, gelungene Hommage an Bowies Idol Scott Walker, ein dunkles, mit theatralischer Stimme gesungenes Requiem.

Fazit: Früher hieß es bei fast jeder neuen Bowie-Platte: „immerhin sein bestes Album seit ,Scary Monsters’“. Und auch „Scary Monsters“ (1980) war nicht besonders gut. Bowies späte Alben kranken daran, dass er alles zugleich will: Modernität und Klassikerstatus, auf der Höhe der Zeit und der Zeit voraus, Avantgarde und Pop.

„The Next Day“ ist zur Hälfte das elegante, elegische Alterswerk, das man erhoffen durfte. Aber leider ist es auch zu wirr und zu lang: Unter den 14 Stücken sind zu viele mediokre und zerrissene Songs, und die Luxus-Edition enthält sogar 17 Tracks. Wie stets bei Bowie ist das Publikum ebenfalls gespalten: Fans gestehen, heiße Tränen geweint zu haben, aber für Internet-Surfer ist „The Next Day“ nur eine Träne im unendlichen Datenstrom. Mindestens „Where Are We Now?“ bleibt allerdings unvergesslich.

Advertisements

2 Comments

Filed under Press

2 responses to “Das neue David Bowie Werk: zu wirr, zu lang

  1. Eva-Maria Hamann

    Hmmm – ich finde das nicht – das mit dem Statement “mediokre”…und vor allem: Das Album ist NICHT für den erwähnten “Internet-Surfer” gedacht…
    wie hier erwähnt wird!

  2. Eva-Maria Hamann

    Noch etwas Senf dazugeben:
    Also, das Wort “leider” ist in der modernen Korrespondenz altmodisch! Wieso leider? das ist stets das meistgebrauchteste Wort der Deutschen.
    Zweitens: Wieso soll ein Album/Lp/Werk, wie immer man es auch bezeichnet, denn “zu lange sein? Vielen sind 17 Stücke sogar lieber als 14 – und: ist eine Wagner Oper etwa “zu lange?”. Die Wagnerianer sitzen artig GERNE 4 Stunden in den engen Stühlchen in Bayreuth z. B.
    Und den Fans wären 20 Stücke sogar noch lieber…aber wie gesagt, Anhänger von DB. Diejenigen, die nicht zu seinen “Jüngern” gehören, brauchen ja nicht 17 Songs laufen lassen….gelle?!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s