Geisterbeschwörung mit David Bowie

by Philipp Holstein / Rheinische Post

6th March 2013

Man sollte lieber nicht von Comeback reden. David Bowie ist nicht zurückgekehrt, es gibt keine aktuellen Fotos, keine Interviews oder Konzerttermine. Da sind neue Lieder, aber die klingen wie früher.

Übermorgen kommt also “The Next Day” in die Läden. Eine Woche nachdem die erste Veröffentlichung Bowies seit beinahe zehn Jahren zum kostenlosen Hören beim Onlinehändler iTunes eingestellt wurde, kann man das Album nun kaufen. Die meisten Besprechungen waren euphorisch. Bowie gehe es offensichtlich gut, hieß es.

Der Sound sei überraschend druckvoll, man wohne einem Triumph bei. Wer sich indes Zeit nimmt und sich auf die 17 Stücke der Deluxe-Ausgabe einlässt, könnte auf einen anderen Gedanken kommen: “The Next Day” ist nämlich ein trauriges Album. Es handelt vom Abschiednehmen, ist reine Rückschau, und manchmal kippt die Stimmung von Wehmut in Wut. Bisweilen meint man gar Verzweiflung zu spüren: “Would you still love me if the clocks could go backwards?”, fragt Bowie.

Das Album wurde um die grandiose Ballade “Where Are We Now?” herumgebaut, mit der Bowie am 8. Januar seine Marketingkampagne begann, die so tut, als sei sie unabhängig von den Gesetzen solcher Superstar-Promo-Aktionen. Keine Ankündigungen oder Auftritte, lediglich die Macht des Ereignisses. Der Rest der Platte: vor sich hin stampfender Rock, wenig originell, nervös und fiebrig, dazu eine Stimme, die vertraut klingt, der es aber nicht mehr gelingt, sich gegen die Gitarren durchzusetzen.

Bowie mag nicht anerkennen, dass er als Schmeichler, als Sänger langsamer Songs inzwischen besser ist denn als Garagen-Rocker. Trotzig zitiert er fast jede seiner Werkphasen von “Hunky Dory” (1971) bis “Scary Monsters”, seinem letzten wirklich großen Album aus dem Jahr 1980. Musik und Texte erzählen von der Vergangenheit, diese Songsammlung ist ein Best-of-Album aus unbekannten Titeln. Die Identitäten Bowies tanzen miteinander im Spiegelkabinett: Major Tom, Ziggy Stardust, der Thin White Duke und David Bowie selbst – denn auch der ist ja ein 1967 erstmals in Erscheinung getretenes Alias jenes Mannes, der 1947 als David Robert Jones zur Welt kam.

Auf “The Next Day” raunen die Geister, und sie sollen dem Hörer letztgültig vor Augen führen, wie wichtig ihr Schöpfer war und ist. Bowie erfand das künstliche Ich im Pop, er führte das Prinzip Verwandlung ein, aus dem Stars wie Lady Gaga noch heute schöpfen. Im Gegensatz zu seiner Wiedergängerin war Bowie jedoch kein Oberflächenphänomen, seine Platten waren musikalisch stets von hoher Güte. Man höre sich noch einmal die Meisterwerke “Station To Station” und “Low” an, um nur zwei Höhepunkte zu nennen. Bowie probierte für jede Veröffentlichung etwas anderes, und als er es getan hatte, ergab es sich, dass genau das etwas Neues war, das Neue an sich, auf das sich folgende Generationen bezogen. Punk und New Wave etwa wäre nicht denkbar ohne Bowie.

Man darf nicht vergessen, dass Bowie bis in die tiefen 70er Jahre kein Massenphänomen war, eher Avantgarde – “Station To Station” erreichte in England gerade mal Platz fünf. Noch in den Berliner Jahren 1977/78 hatte Bowie Schulden. Der Welterfolg und das Geld kamen mit der Discophase in den 80er Jahren, mit dem Album “Let’s Dance”, das Nile Rodgers von der Band Chic produzierte, und Singles wie “China Girl”. In dieser Zeit häufte Bowie das Gros seines 215 Millionen Dollar großen Vermögens an.

Es gibt keinen anderen Popstar, der über vier, fast fünf Jahrzehnte relevant blieb. Die Beatles hatten ihr Jahrzehnt, die Stones geben seit 30 Jahren bloß vor, sie gehörten noch nicht zum alten Eisen. Bob Dylan ist ein Sonderfall, verloren im eigenen Kosmos, ein populärmusikalischer Autist. Der Einzige, vom dem man immer wieder aufs Neue Impulse für den Mainstream erwartete, war David Bowie aus dem Londoner Vorort Bromley. Wie irritierend muss 1977 “Low” geklungen haben, dessen zweite Seite ohne Vocals auskam, Krautrock, Elektronik und Industrial vermischte zu einem zutiefst pessimistischen Soundtrack der Gegenwart! Das Irre daran: Plötzlich wollte jeder Rockpop-Lümmel genauso klingen. Bowie war der mutigste Musiker, den Pop je hatte.

“The Next Day” ist ein Denkmal seiner selbst. Kraftwerk sucht schon seit einiger Zeit Asyl in den großen Museen, Bowie geht jetzt darüber hinaus, er baut sich einfach selbst ein Haus, in dem er sich und sein Werk ausstellt. Es wirkt, als wollte jemand Bilanz ziehen, das Spiel mit den Masken katalogisieren und darauf Einfluss nehmen, welche Schlüsse das Publikum zieht.

Das ist die Botschaft dieser Platte: Die Zeit der Erfindungen ist vorüber. Wir leben in einer Schleife. Ewige Wiederkehr. Retromania. Kein Comeback also, sondern Séance. Das von Jonathan Barnbrook gestaltete Cover zitiert Bowies Album “Heroes” von 1977. Auf dem Original liegt nun ein weißes Quadrat mit dem Schriftzug “The Next Day”. Das Wort “Heroes” ist durchgestrichen. Wir hören den Bowie von heute, wir erahnen den Giganten von einst.

Die Bilder verschwimmen, sie sind nicht voneinander zu trennen, und die Wahrheit kennt nur, wer sie alle gesehen hat.

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