Nimmermüde Helden dürfen alles

by Jan Ulrich Welke / Stuttgarter Zeitung

7th March 2013

Stuttgart – Das Wort „Comeback“ umweht ein miefiger Beigeschmack. Abgehalfterte Stars kommen einem da in den Sinn, die ob ihrer materiellen Nöte letztmals auf Tingeltour gehen müssen. Oder grell überschminkte Damen, die noch einmal die faltenlosen Zeiten ihrer größten Erfolge hochleben lassen wollen. Oder abgewrackte Schatten ihrer eigenen Egos, die es sich und dem Rest der Welt ein allerletztes Mal beweisen wollen.

Gemünzt auf David Bowie stimmen all diese Comeback-Definitionen natürlich nicht. Obwohl: ein bisschen ist schon etwas dran, denn sein letztes Album hat der Ausnahmekünstler vor zehn Jahren veröffentlicht und das letzte Kurzkonzert vor sechs Jahren gegeben, nachdem ihm 2004 – als Folge eines Herzinfarkts im Backstagebereich des Hurricane-Festivals in Scheeßel – in einem Hamburger Krankenhaus ein paar Bypässe gelegt werden mussten.

Anderseits insinuiert das Wort Comeback, dass jemand in der Versenkung verschwunden wäre. Das aber ist bei David Bowie mitnichten so. Er hat sich zunächst einmal den Luxus einer langen schöpferischen Pause gegönnt, wobei die Sache mit der Länge relativ ist, hat doch die deutsche Band Kraftwerk zwischen ihren letzten beiden Alben 17 Jahre verstreichen lassen. Aber so, wie die deutsche Elektronikband, blieb auch Bowie präsent: im Radio, das noch immer täglich rund um den Globus Songs aus seinem Repertoire spielt; in der Erinnerung der Fans, die sich in den vergangenen Jahren häufig bei der Frage ertappt haben, was ihr Star wohl so treibt; und in der keineswegs mythischen Verklärung, sondern lediglich nüchternen Feststellung, dass David Robert Haywood Jones, der erstmals 1962 auf einer Bühne stand, zur kleinen Schar der Ikonen zählt, die seit einem halben Jahrhundert unverdrossen die Popgeschichte mitschreiben.

Das scheue Comeback

Und vor allem: ein Comeback geht üblicherweise auch mit der Rückkehr in die Öffentlichkeit einher. Aber nicht bei David Bowie. Es gibt keine Interviews, keine Photocalls und keine geschickt lancierten Auftritte: Bei den Grammys hätte er jüngst mühelos seine Rückkehr ins Rampenlicht feiern können. Und es gibt zu diesem neuen Album namens „The next day“ vermutlich auch keine Tournee. Um ehrlich zu sein: Es gibt ganz gewiss keine Tournee, selbst wenn dies jammerschade ist. Tony Visconti, der Produzent des aktuellen Albums, wählte jüngst im britischen Fachblatt „New Musical Express“ das starke englische Adjektiv „adamant”, um zu beteuern, dass David Bowie sich „felsenfest“ sicher sei, nie wieder live aufzutreten.

Aus heiterstem Himmel umrundete vor knapp zwei Monaten dennoch die Nachricht die Welt, dass Bowie anlässlich seines sechsundsechzigsten Geburtstags die Single „Where are we now“ veröffentlichen würde. Deren Text kreist bemerkenswerterweise um Berlin. In der deutschen Hauptstadt hat der Brite von 1976 bis 1978 gelebt, erledigt von seiner vorherigen Wahlheimat Los Angeles, „der ekelhaftesten Warze am Hintern der Menschheit“, wie er die Stadt später despektierlich nennen sollte – und vielleicht mag dies der Grund sein, dass er sie jüngst eben nicht aufsuchte, um bei der Grammy-Verleihung sein Stelldichein zu geben. In Berlin jedenfalls, in den gerade wegen Bowie legendären Hansa-Studios, hat er im Gegensatz zu seinen heutigen Veröffentlichungsintervallen in nur anderthalb Jahren zusammen mit dem oben erwähnten Produzenten Tony Visconti drei Alben eingespielt. Drei Alben, darunter seine zwei popmusikalischen Meilensteine „Low“ und „Heroes“! Sie haben ihm nicht nur Weltruhm beschert, sondern auch einen enormen Reichtum. Der Mann, der mit Iggy Pop in Schöneberg in einer WG hauste, gilt heute mit einem dreistelligen Millionenvermögen als einer der wohlhabendsten Popstars der Welt.

Wege zur Persönlichkeitspflege

Zerrissenheit angesichts dieser künstlerischen Biografie könnte also das Leitmotiv seines morgen erscheinenden neuen Albums „The next Day“ sein. Doch viel zu sanft, viel zu mild, viel zu nostalgisch, bar jeden Lamentos ist ihm bereits das vorab vorgestellte Lied „Where are we now“ geraten. Ist dieses Album also das Alterswerk, wenn nicht gar das Abschiedswerk des in sich ruhenden Elder Statesman der Popmusik? Die Frage muss naturgemäß unbeantwortet bleiben. Wer sich den nach wie vor blendend aussehenden Bowie anguckt, wird sie verneinen wollen, aber der Herr nahm ja bekanntlich schon immer sehr spezielle Wege zur Persönlichkeitspflege.

Dieser scheinbar aus der Zeit gefallene Musiker hat auf jeden Fall ein verblüffend zeitgemäßes Album vorgelegt. Zu hören gibt es auf „The next Day“ eine elegant zwischen Pop und außerordentlich ausgeprägtem Rock, zwischen Ballade und – tatsächlich – Alternativerock changierende Platte. Zu erleben ist sowohl ein klassischer, unverwechselbar klingender Bowie-Stil als auch eine Reihe unerhörter musikalischer Wendungen. Insofern wäre es jetzt leicht, dieses Album als ganz großen Wurf zu bejubeln, wie es einige euphorisierte Rezensenten, gewiss auch geblendet von Bowies alles überwölbender Lebensleistung, schon vorab getan haben.

Doch wenn man sich „The next day“, das in der Normalversion mit 14, der De-Luxe-Version mit 17 und der Japanpressung mit 18 Songs erscheint (so viel zum Irrwitz der Marketingstrategien), mit Muße anhört, stellt man fest, dass Bowie auf seinem nunmehr dreißigsten Album das Rad nicht neu erfunden hat – und dass er, insbesondere in der De-Luxe-Variante der CD, auch viel Füllmaterial bietet. Klar, man darf Bowie nicht immer an den unzähligen Klassesongs messen, die er bereits in seinem Oeuvre hat – die Messlatte in unerreichbare Höhen zu legen, wäre gleichsam der Fluch der guten Tat. Aber selbst wenn man sich dessen bewusst ist, bleibt bei diesem Album stellenweise doch der flaue Eindruck zurück, kein Riesenalbum zu hören.

Es ist nicht alles gülden, aber doch: lebendig

Bahnbrechend neue Impulse schenkt der Mann, der einst Punk und New Wave erst möglich gemacht hat, der Popularmusikwelt also nicht. Aber Helden dürfen alles. Das Chamäleon Bowie, das zuletzt interessante Bands wie Arcade Fire auf der Bühne verstärkte, hat sich auf diesem Album abermals gehäutet. Mehr als im Klang bringt dies das Cover des Werks zum Ausdruck. Die Vorderseite ziert eine Replik des Albumcovers von „Heroes“, in der Mitte verdeckt durch den Schriftzug des aktuellen Titels. Das Wort „Heroes“ ist allerdings durchgestrichen. Dunkle Ahnungen, dass diese Platte sich nicht ganz nahtlos in die bisherige Diskografie einreihen wird? Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Nein, das nicht! Dieser Held wird so fix nicht müde. Wenn also dieses Album eine Botschaft ausstrahlen soll, dann lautet sie: David Bowie ist, auch wenn heutzutage nicht alles gülden glänzt, nach wie vor quicklebendig.

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