“So lange da Feuer ist”

by Andreas Rauschal / Wiener Zeitung

2nd March 2013

“Here I am, not quite dying …”¨ – mit welcher Untertreibung dieses unerwartete Comeback-Album doch beginnt! Tatsächlich wird auf “The Next Day” schnell deutlich, dass in David Bowie noch genug von jenem Feuer lodert, das mit “Where Are We Now?” bereits die erste Vorabsingle beschwor: “As long as there’s fire …”

Mit dieser hübschen wie als hübsch nostalgisch wahrgenommenen Nummer informierte David Bowie die Öffentlichkeit erst vor wenigen Wochen (und pünktlich zu seinem 66. Geburtstag) darüber, dass die sage und schreibe zehnjährige Phase seiner künstlerischen Absenz nun vorbei sei. Und er sorgte damit für einen im Echtzeitalter von Twitter nicht mehr für möglich gehaltenen Coup, der das über die letzten beiden Jahre entstandene Album rückwirkend zum bestgehüteten Geheimnis der Pop-Branche erkor. Dass Bowie die 14 neuen Songs, die erst kommende Woche in physischer Form bei Sony Music erscheinen, bereits diesen Freitag als iTunes-Stream in die Welt entließ, ist folglich nur konsequent.

Unsentimentale Zitate
Einmal mehr in Zusammenarbeit mit seinem Haus- und Hofproduzenten Tony Visconti entstanden, belegt das Album zuvorderst zwei Dinge: Erstens ist es weniger sentimental und musikalisch entschieden druckvoller ausgefallen, als “Where Are We Now?” es vermuten ließ – ohne aber den Umstand zu verleugnen, dass Bowie die Auszeit auch dafür zu nutzen hatte, sich nach gravierenden Herzproblemen mit dem Älterwerden und dem Tod zu beschäftigen. Und zweitens nimmt bereits das wiederverwertete Front-Cover von “Heroes” mit einer künstlerischen Intervention vorweg, dass Bowie heute eine angenehme Selbstreferenzialität kultiviert, die die neuen Songs auf mehreren Ebenen durchzieht.

Kaputt und ergiebig
“Where Are We Now?” etwa erinnert an die körperlich kaputten und künstlerisch extrem ergiebigen Berlin-Jahre Bowies, der hier noch einmal über die “Nürnberger Straße” und hin zur “Böse Brucke” schweift, während im Video zum elegant Beschwingten “The Stars Are Out Tonight” (mit der wunderbaren Tilda Swinton) auch auf die Yuppie-Phase von “Let’s Dance” Bezug genommen wird. Musikalisch sorgen kompakt-bündige Midtemposongs für Reminiszenzen an Bowies Zeit als Ziggy Stardust, röhren die Gitarren beinahe in “Heroes”-Manier auf und geht der kurz angerissene Funk auf das diesbezügliche Initiationsereignis von “Young Americans” aus dem Jahre 1975 zurück.

In Hinblick auf seinen Innovationswillen muss David Bowie heute natürlich nichts mehr beweisen – und er versucht es auch nicht mehr wirklich. Womöglich darf man sich über das Gummi-Keyboard aus den 80er-Jahren und die in bester Stadiontradition geschwungene Stromrockgitarre von “How Does The Grass Grow?” dann ja auch etwas mokieren. Als Songwriter hingegen beweist der Mann seine Klasse erneut – vom Titelstück, das mit an die Talking Heads erinnernden Gesängen daherkommt, über das zwischen angejazzten Bläsern, Cabaret-Bezügen, Tom Waits und jeder Menge Soul pendelnde “Dirty Boys” bis hin zu “Love Is Lost”, das mit seinem pulsierenden Beat und zuarbeitender Orgel eine Kathedrale errichtet. Mit dem perkussiven “If You Can See Me” wird es hektisch, das vom Krieg erzählende “I’d Rather Be High” bringt sanfte Psychedelik ins Spiel und bei “(You Will) Set The World On Fire” dominieren betont rohe Gitarren, ehe mit “You Feel So Lonely You Could Die” ein L’Amour-Hatscher aus der Jukebox heult und “Heat” am Ende Scott Walker die Ehre erweist.

Eingedenk dieser erfreulichen, phasenweise famosen Wiederkehr ist es bedauerlich, dass David Bowie partout nicht mehr auf Tournee gehen will. Aktuellen Interviews mit Tony Visconti zufolge könnte ein weiteres Album aber noch heuer entstehen. Welcome back, Mister Bowie, welcome back!

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