„The Next Day“: David Bowie im grauen Quadrat

by Thomas Kramar / Die Presse

6th March 2013

Das berühmte Cover von „,Heroes‘“, aufgenommen 1977 in Berlin, „by the wall“, mit dem tieftraurigen David Bowie in der Lederjacke; nun mit durchgestrichenem Titel und einem weißen Quadrat, das das ganze Gesicht verbirgt. Darauf steht der neue Titel: „The Next Day“.

Das stellt die Frage, die Bowies Werk seit Langem anhaftet: Was kommt nach der Katastrophe? Nach dem Rock’n’Roll Suicide? Was ist nach dem letzten Tag? Einfach der nächste Tag? Geht man wieder ins Büro, als ob nichts gewesen wäre? Wandert man ziellos durch die Straßen? Vor dieser Frage stand der Titelheld in „Ziggy Stardust“, vor ihr steht Bowie selbst spätestens seit 1979 chronisch: Dieser Mann, der mit wechselnder Frisur die klammste Kälte und die fiebrigste Hitze beschworen hat, weiß nur zu gut, dass die laue Wärme der größte Feind der Kunst ist.

Ließe sich aus der Angst vor dem Wärmetod sozusagen sekundäre Intensität gewinnen? Der tiefe Schmerz über Lust- und Schmerzlosigkeit als neuer Funke?

„Here am I, not quite dying“

In der letzten Nummer seines neuen Albums scheint Bowie mit dieser Idee zu spielen: Sie heißt „Heat“ und klingt kalt wie der Weltraum; „I don’t know who I am“, singt Bowie mit seiner „Low“-Stimme, als sei dies ein Mantra, um einmal noch eine Person zu finden, in die er schlüpfen kann…

Zu spät. Nein, nicht nur „too late to be hateful“ wie einst 1976 in „Station To Station“, als er als „Thin White Duke“ zurückkehrte (obwohl dieser noch nie da gewesen war). Sondern wirklich zu spät. Zu spät für große Geschichten und große Posen. „Here am I, not quite dying“, singt er im halbwegs gehetzten Titelsong: „My body left to rot in a hollow tree, its branches throwing shadows in the gallow for me.“ Das wäre guter Stoff für einen Galgensong von Johnny Cash oder – sozusagen vertretungsweise – von Nick Cave, bei Bowie wirkt es ausgetüftelt. Wie eine kleine Geschichte, die man halt erzählt, weil die Zeit noch nicht um ist.

Bowie probiert viel aus auf diesem Album, aber man hat nicht das Gefühl, dass ihm eines der Gewänder wirklich passt. Am besten der Trenchcoat, den er anlegt, um einmal noch durch Berlin zu wandern und mit glaubhaft müder Stimme den Potsdamer Platz zu halluzinieren, wie er war, als die Mauer noch stand. „Where Are We Now“, das am 8.Jänner, zu Bowies 66.Geburtstag, völlig überraschend veröffentlicht wurde, ist wie „Heat“ ein Song, der bleiben wird. Vom Rest kann man das ebenso wenig behaupten wie von all den Alben seit 1984, vielleicht mit Ausnahme von „Earthling“, auf dem Bowie neues Blut aus Drum’n’Bass saugte.

Die Bildungszitate (Nabokov in Grunewald/Berlin etc.) wirken beflissen, die Beschwörungen der schweren Jugend bemüht: „It’s the darkest hour, you’re twenty-two“, heißt es altersweise in „Love Is Lost“: „The voice of youth, the hour of dread.“ Ach ja.

Nur manchmal bricht plötzlich alte Bowie-Grandezza heraus – etwa aus dem kindischen „How Does The Grass Grow“: „The light in my life burnt away“, singt er da mit der Hand auf dem Herzen, doch dann folgt ein so grässliches Gitarrensolo, dass man froh ist, wenn der „Ya-ya-ya“-Refrain es gnädig abwürgt. Noch schlimmer ist es, wenn Bowie seine alten Rock’n’Roll-Fantasien verblödelt, in „(You Will) Set The World On Fire“ etwa: Jeder junge Ziggy Stardust oder Aladin Sane würde sich von dieser gönnerhaften Aufmunterung indigniert abwenden.

„Heartbreak Hotel“ in der zweiten Person

Der wichtigste Trick, den Bowie auf diesem Album versucht: die Verschiebung von der ersten Person auf ein Du, das durchmachen soll, was das Ich längst hinter sich gebracht hat. „I hope you feel so lonely you could die“, wünscht Bowie im vorletzten Song: eine feige Variation der Formel aus dem „Heartbreak Hotel“, doch sie funktioniert. Wie das Nachspiel, das den Rhythmus von „Five Years“ aufnimmt, in dem einst in „Ziggy Stardust“ die Endzeit angekündigt wurde. Auch stimmt hier die musikalische Inszenierung, die Tony Visconti besorgt hat, Bowies Weggefährte seit 1969. Meist trägt er aber zu dick auf, legt Schicht um Schicht, bis die Atmosphäre dick und grau ist. Und lauwarm.

„I’d rather be high“, singt Bowie in einem der eleganteren Songs: „I’d rather be flying. I’d rather be dead or out of my head.“ Von all diesem rät der Arzt ab. Wir auch. Große Alben hat David Bowie genug gemacht. Jetzt soll er einfach leben.

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