Wie ein junger Gott

Kölner Stadt-Anzeiger

1st March 2013

Als David Bowie am 8. Januar – just am Tag seines 66. Geburtstages – mit „Where Are We Now“ eine neue Single veröffentlichte, begegnete uns ein sichtlich gealterter Sänger, der mit brüchiger Stimme Rückschau auf seine Berliner Jahre hielt und sich über die Wandlungen wunderte, die die Zeit gebracht hatte. Aha, dachten wir und bloggten es fröhlich in die Welt heraus, der Star erinnert sich an die Zeit, da er am hellsten strahlte – und erwarteten ein letztes, nostalgisches Aufglühen vorm Kältetod.

Jetzt stellt sich heraus, dass dies Bowies bestes Täuschungsmanöver war. Seit Freitag kann man sich „The Next Day“ bei iTunes anhören, eine Woche vorm angeblichen Veröffentlichungstermin. „Hier bin ich, noch nicht wirklich im Sterben liegend“, verkündet Bowie gleich als erstes auf dem Titeltrack. Dass hier jemand ein Extraleben bekommen hat, hört man: Der Song packt aggressiv zu wie einst „Scary Monsters (And Super Creeps)“. Und, um das fällige Urteil vorwegzunehmen, an dieses letzte große, alle Errungenschaften der 70er zusammenfassende, Album erinnert die neue Platte am ehesten. Ist sie wirklich so gut?

Es klingt großartig

Nein, 33 Jahre lassen sich nicht einfach gegen den Uhrzeigersinn drehen. Aber „The Next Day“ ist besser als alles, was David Bowie seit „Scary Monsters“ mit uns teilen wollte. Auch abenteuerlicher: In „Apache“ etwa, einem der vielen erstaunlich rasant beginnenden  Songs singt Bowie anstelle eines Refrains die Melodie des bekannten Shadows-Instrumentals, gefolgt von einer Gitarre, die an Stevie Ray Vaughans Soli auf „Let’s Dance“ erinnert, gefolgt von einer Überleitung in der Bowie einen elegischen Sehnsuchtsgesang anschwellen lässt, wie weiland bei „Wild Is The Wind“, gefolgt von einem spacigen Gitarrensolo, schließlich in einer Coda endend, in der die Band jammt wie The Velvet Underground auf ihrem „Live 1969“-Album. Auf dem Papier macht das alles keinen Sinn. Aber es klingt großartig.

Ansonsten klaut der alte Eklektizist diesmal nur bei sich selbst  und auch das eher, um weitere Bedeutungsebenen einzuziehen. Am spektakulärsten gelingt ihm das in „You Feel So Lonely You Could Die“. Der Titel zitiert Elvis’ „Heartbreak Hotel“,  der Song ist eher ein Update von Ziggy Stardusts „Rock’n’Roll Suicide“, majestätisch daher schreitend wie Leonard Cohens „Hallelujah“, von Bowie stimmlich mit größtmöglicher Dramatik aufgefüllt. Der alte Star singt wie ein junger Gott, nach dem bald Himmelskörper benannt werden. Der Song endet mit dem Schlagzeug-Intro von „Five Years“, im Hintergrund Streichergeschwirr und eine klagende E-Gitarre.

Den jungen Star hatte der Vater im Traum ermahnt, er habe nur noch fünf Jahre zu leben. Daraus wurden viele, viele Tage mehr. David Bowie hat sie genutzt, aber dass ihm sein Hadern mit der Sterblichkeit noch einmal ein solches Album abringt, damit haben wir nicht gerechnet.

Advertisements

1 Comment

Filed under Press

One response to “Wie ein junger Gott

  1. Eva-Maria Hamann

    Toller Beitrag! ich habe auch nicht damit gerechnet, das noch erleben zu dürfen…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s