Der Pop-Großkünstler David Bowie kehrt zurück

Badische Zeitung

6th March 2013

Der britische Starrocker David Bowie hat sein erstes Album seit mehr als zehn Jahren herausgebracht. Bowie hatte sich in den vergangenen Jahren musikalisch eher zurückgehalten.

  1. David Bowie im vergangenen Jahr in New York im Studio Foto: Sony Music

Vergangenes Jahr im November erschien ein Buch über David Bowie, die deutsche Übersetzung eines britischen Prachtbandes: die “Retrospektive”, so der Titel, des renommierten Musikjournalisten Paolo Hewitt auf die bis dato 45-jährige Karriere des Pop-Großkünstlers. Album für Album und Lebensstation für Lebensstation ging der Autor durch, bis zur CD “Reality” von 2003 – und zu dem Herzinfarkt, den Bowie 2004 auf dem Hurricane Festival in Niedersachsen erlitt und nur dank einer Not-OP in Hamburg überstand. Seither hatte Bowie nur Kurzauftritte absolviert. “Wenn man einigen Leuten, die es wissen könnten, Glauben schenken mag”, so konstatierte Hewitt am Ende seines Buches, “dreht sich sein Leben heute nur noch um eines – und das ist nicht die Kunst: Es ist seine Familie.”

Die Nachricht verbreitete sich wie eine Flutwelle

Bowie, der zurückgezogen in New York mit seiner Frau, dem Ex-Model Iman, und seiner Tochter Alexandria lebt – das war lange der Stand der Dinge. Bis zum 8. Januar dieses Jahres. Wie eine Flutwelle verbreitete sich an diesem Dienstag die Nachricht im Internet: David Bowie hat einen neuen Song ins Netz gestellt. Es war der Tag, an dem der Sänger 66 wurde.

Die Aufregung war riesig. Zum einen, weil dieses Comeback aus dem Nichts kam, mit einem Mal war Bowies Stimme wieder zu vernehmen. Und wie sie klang! So zerbrechlich, so melancholisch. “Where are we now?” ist eine Ballade, in der Bowie sich an seine Jahre in Berlin erinnert, Ende der 70er. Es war eine wichtige Station für ihn, in der Stadt fand er aus Drogennebel und Identitätskrise zu sich selbst zurück, schrieb seinen Klassiker “Heroes” und spielte drei großartige Alben in den Hansa-Studios ein. Und nun, so viele Jahre später, wo sind wir jetzt, fragt der Refrain von “Where are we now?”. Egal, so lange es Sonne und Regen gibt, solange es mich und dich gibt, sagt das Ende.

Der Song berührte Bowies Verehrer. Seine künstlerischen Nachfolger wie der Sänger Antony Hegarty bekannten es genauso wie seine Hörer auf aller Welt im Netz. Es war ein ähnlicher großer Moment wie 1980 die Rückkehr von John Lennon, dem damaligen großen britischen New-York-Exilanten, mit seinem Song “(Just like) starting over” nach fünf Jahren Hausmannsdasein.
Dass gleich noch ein ganzes Album von Bowie angekündigt wurde, euphorisierte die Popwelt. Unter strengster Geheimhaltung hat Bowie seit zwei Jahren daran gearbeitet. Gitarrist Earl Slick, seit den 70er Jahren immer wieder in Bowies Band, bekam vergangenes Jahr die Titelgeschichte des vielgelesenen Magazins Guitar Player in der Weihnachtsausgabe – und durfte kein Wort über das neue Album verraten. Nach der Ankündigung stellte sich die Frage: Der Großkünstler Bowie, der in den 70ern mit seinen Bühnen-Alter-Egos die Gestaltung eines Star-Images zur Kunst erhoben hatte, der mit seiner Bariton-Stimme wie kein anderer sinnlichen Gesang und intellektuelle Texte zusammenbrachte, der immer wieder neue Stile in seinen unverkennbaren Sound eingeschmolzen hat, der von der Rock-Generation genauso wie von der Wave-Generation geschätzt wird, was würde er nach den zehn Jahren Pause präsentieren?

Für den kommenden Freitag war das Erscheinen von “The Next Day” angekündigt, am vergangenen Freitag landete Bowie nochmal einen Internet-Coup: Er stellte das Album per Stream zum Vorab-Hören bereit. Er weiß immer noch, wie man Aufmerksamkeit erregt.

Allerdings lässt “The Next Day” den Hörer kühler als der Comeback-Song. So wie “Where are we now” ist nur noch ein anderes Stück darauf. Das weitere Dutzend ist Bowie, wie man ihn kennt. Der Künstler bedient sich aus dem eigenen Fundus. Es gibt harte geschlagene Gitarren wie auf “The Man Who Sold the World” von 1970, es gibt funky klingelnde Gitarren wie auf “Scary Monsters” von 1980. Manches klingt nach dem R&B samt Saxophon, den Bowie auf seinen ersten Singles Mitte der 60er machte, anderes nach dem Drum ’n’ Bass, den er in den 90ern machte. Es gibt auch ein kurzes Instrumental wie auf “Low” – auf der Deluxe-Version des Albums, die ansonsten zwei Songs bringt, die man nicht unbedingt braucht. Zumal die Standard-Version im richtigen Ton endet, mit “Heat”, der zweiten nach dem Lauf des Lebens fragenden, dräuend instrumentierten und fragil gesungenen Ballade.

Die Texte, welche der Bowie-Gemeinde noch einige Entschlüsselungsarbeit aufbürden werden, sind ansonsten voller Bilder von Angst, Ambitionen und Entfremdung. Es gibt mit “Dirty Boys” wieder mal bei Bowie einen Song über eine gemeine Gang, mit “Dancing out in Space” einen Weltraum-Song in der langen Tradition von “Space Oddity”, mit “You Feel so Lonely you Could Die” ein abgründiges Einsamkeitslied. Soziale Verhältnisse werden an Individuen beobachtet, in “Valentine’s Day” an einem Jungen, der Football-Fan ist, in “Boss of Me” an einem Mann, den ein Vorstadtmädchen auf der Karriereleiter überholt hat. In anderen Stücken wie dem Titellied, in dem jemand durch Straßen geschleift und zum Verrotten in einen toten Baum gehängt wird, könnten historische Ereignisse verarbeitet sein.

Noch ein Alterswerk eines Rockstars

David Bowie fügt sich mit seinem Comeback ein in die Riege von Rockstars Mitte oder Ende Sechzig, die an ihrem Alterswerk arbeiten und darin ihre wiederkehrenden Themen und musikalischen Errungenschaften in reifer Manier variieren. Was im Falle von David Bowie allemal ein interessantes Album-Kunstwerk ergibt. Aber zu Tränen rührt es nur mit “Where are we now”.

Er verstehe nicht, warum Bowie die Ballade als Vorab-Song veröffentlicht habe, wo doch das Album sonst wesentlich rockiger sei. Das hat Bowies langjähriger Produzent Tony Visconti, der auch “The Next Day” betreut hat, zu Protokoll gegeben, nachdem er im Januar von seiner Schweigepflicht entbunden war. Womit Visconti den Unterschied zwischen einem guten Produzenten und einem klugen Künstler klar gemacht hat: David Bowie wusste schon, wie er seine Rückkehr zu einem unvergesslichen Moment machte.

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